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Ich habe den Eindruck, andere verstehen unter “Marketing” etwas anderes als ich


Thursday, October 1, 2009

Da wollte mich doch tatsächlich jemand für so ein Pyramiden-Vertriebs-System werben. Pech für ihn, denn bei mir läuten sofort die Alarmglocken, wenn ich Bullshit höre. Die letzten Jahre habe ich mich intensiv mit neuen Vertriebskonzepten beschäftigt und ich muss sagen, dass Schneeballsysteme, bei denen Leute Geld verdienen, indem sie andere anwerben, die wiederrum selber andere anwerben (müssen), noch nie zu den sympathischen und für alle Beteiligten erfolgreichen Modellen gehört haben. Aber ich habe ja sowieso eine ganz persönliche Abneigung gegen solche Pyramidenspielchen. Und das kam so:

Vor einigen Jahren hat mich eine sehr gute Freundin mal zu so einer Gesprächsrunde mitgeschleppt. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet, aber sie (meine Freundin) hat gemeint, dass es was ganz tolles, spannendes, neues sei. Und ihre Mutter käme auch mit. Na gut. Dann gehe ich halt auch hin. Angekommen, Hände geschüttelt, mich vorgestellt und dann ging es auch schon los: Irgendwelche mir vollkommen unbekannten Frauen schütten ihr Herz aus über persönliche Abgründe, familiäre Probleme (der Mann geht fremd) und wie schwer sie es hätten und das Leben als Hausfrau sei ja so langweilig, demütigend und schlimm. Und wie toll es wäre, wenn sie alle ein bisschen Geld hätten, um ihre Träume zu verwirklichen. Da wurden Geschichten erzählt, von denen ich bis heute nicht weiß, ob das andere Menschen wissen oder ob diese Geschichten überhaupt echt sind. Nachdem sich alle das Herz ausgeschüttet haben und die Mutter meiner Freundin auch gedrängt wurde, ihre leidvolle Geschichte zu erzählen, ging es dann ans Eingemachte. Dann wurde ein Stück Papier gezückt und ein Plan gezeichnet, mit dem jede dieser Frauen steinreich werden könnte. Wenn sie es denn nur schaffte, genug andere Frauen von diesem tollen neuen Konzept aus Australien zu begeistern. Der Plan bestand aus einigen Kreisen.

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Ganz oben einer. Darunter zwei Kreise - beide mit dem obersten Kreis verbunden. Unter jedem dieser unteren zwei Kreise nochmal jeweils zwei. Und unter allen unteren 4 Kreisen jeweils nochmal zwei, so dass ganz unten 8 Kreise waren. Die Wortführerin war der oberste Kreis. Die restlichen Damen haben versucht, andere Frauen für die untersten 8 Kreise zu werben, zum Beispiel die Mutter meiner Freundin. Ach ja, so ganz nebenbei wurde gesagt, der Beitritt zu diesem exklusiven Kreis wäre mit einer Investition von 8.000 Euro verbunden. Bevor irgendwelche Zweifel aufkommen konnten, wurden Bilder herumgereicht. Darauf zu sehen war ganz viel Konfetti und die letzte Frau, die ganz oben in der Pyramide stand bei ihrer “Schenk-Party”. Denn wenn nämlich alle 4 Frauen auf der 3. Stufe jeweils zwei weitere Frauen geworben haben, ging über der Frau, die ganz oben in der Pyramide stand, ein Geldregen nieder. Die hat dann nämlich sagenhafte 64.000 Euro bekommen! Ist das nicht phantastisch? Bei dieser Rendite würde jede Bank erblassen. Dann schied diese Frau aus der Pyramie aus, die Gruppe teilte sich in zwei einzelne Pyramiden, die Frauen auf der zweiten Ebene rückten eine Ebene höher und warteten nun selbst darauf, dass die unterste “Kaste” genug Frauen findet, die dieses Spielchen mitmachen.

Unfassbar. Auf meine Frage, wie das denn funktionieren könne, weil die Gruppe ja exponentiell wachsen müsste und so, wurden die Damen ein bisschen feindselig. Ich schnappte mir meine Freundin und ihre etwas widerwillige Mutter, redete ihnen in einer Ecke ins Gewissen und machte mich mit ihnen aus dem Staub. Die Stimmung war ohnehin ziemlich am Tiefpunkt. Die beiden wussten zunächst nicht, ob sie auf mich sauer sein sollten, denn die Frauenrunde wollte die beiden nämlich nicht mehr dabeihaben.

Etwa zwei Wochen später hat dieses Thema offensichtlich eine kritische Schwelle überschritten, denn es war plötzlich in den Medien. Überall wurde über sogenannte Herz- und Schenkkreise berichtet und davor gewarnt, daran teilzunehmen. Ich bin immer noch sehr gut mit besagter Freudin befreundet, aber dieser Abend gehört nicht zu unseren glanzvollsten Erinnerungen.

Und all diese Erinnerungen sind dann, als dieser Typ mich vollgequatscht hat, wieder hochgekommen. Irgendwelche Putzmittel, Zahnpastas und Lebensmittelergänzungen in einer Multilevel-Marketing-Struktur meinen Freunden, Bekannten und Verwandten anzudrehen, mag objektiv betrachtet nicht das gleiche sein wie ein Herzkreis. Aber für mich hat es subjektiv betrachtet einen ähnlich faden Nachgeschmack.

Ich habe mich, so höflich wie es mir möglich war, verabschiedet und mich aus dem Staub gemacht. 20 Minuten Lebenszeit verloren, dafür wurde mein Bullshit-Radar wieder ordentlich kalibriert.

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