Dass Werber ungefähr zur gleichen sozialen Kaste gehören wie Banker oder Politiker, ist ja schon länger bekannt. Dass mir aber zunehmend Leute über den Weg laufen, die Werbung für die Geißel der Menschheit halten, ist mir dagegen neu. Seit etwa einem Jahr muss ich mir regelmä- bzw. müßig anhören, wie schön die Welt doch ohne Werbung wäre. Eine Welt ganz ohne Lügen! Und ohne hinterhältige Verführung, sein Geld für Dinge auszugeben, die man nicht braucht! Meistens haben diese Menschen bei der Formulierung dieser Aussagen einen sehr verträumten Gesichtsausdruck. Hach…
Leider kann nicht jeder das Glück haben, den Sinn des Lebens qua Diplom erworben zu haben. Nicht jeder Mensch kann und will Chemiker, Physiker, Mediziner oder Ingenieur sein. Aber Moment! Haben nicht Physiker die Atombombe erfunden? Nein, solche Einwände lassen sie nicht gelten, das wäre ja zu einfach! Denn nur wenige Physiker tun böse Dinge, wohingegen doch mindestens alle Werber apokalyptische Reiter sind.
Dann nehmen die Gespräche ungefähr folgende Wendungen, den Anfang macht jeweils mein Gegenüber:
1. “Werbung nervt!” - “Aber hast du nicht (hier bitte einen beobachteten Werbekonsum eintragen, wahlweise:) gestern aus so einem Käseblatt den LIDL-Prospekt rausgefischt und die Sonderangebote genau studiert?” - “Das ist doch keine Werbung! Die nervt nicht” - “Ach so, Werbung ist also nur das, was dich nervt?” - “Äh… ja!” - “Alles klar”.
2. “Kein Mensch braucht Werbung, nur die Werber selbst, damit sie ein Einkommen haben!” - “Gute Produkte setzen sich aber leider nicht automatisch durch” - “Ja, und daran ist böse Werbung für schlechte Produkte schuld” - “Und die Welt wird dadurch besser, wenn man für gute Produkte keine Werbung macht?” - “Äh… ja!” - “Alles klar”.
3. “Werbung ist voller Lügen!” - “Was lügen dir Mon-Cherie-Werbespots, die Sonderangebots-Blättchen der Discounter oder die Homepage vom Pizzadienst um die Ecke denn so vor?” - “Naja, äh… (mein Gegenüber windet sich in Erklärungsnot), äh… (nach einigen verzweifelten Momenten:) … das ist doch gar nicht diese Art von Werbung, die ich meinte!” - “Was meintest du denn für Werbung?” - “Naja, (rollt mir den Augen) die, die eben voller Lügen ist! Wo die Unternehmen sagen, wie toll sie oder ihr neues Produkt sind!” - “Meinst du PR?” - “Ja, Werbung, sagte ich doch!” - “Alles klar”.
4. “Gute Produkte brauchen keine Werbung!” - “Wenn du im Mediamarkt vor 20 mp3-Playern stehst - woher weißt du, welcher davon gut ist?” - “Naja, es spricht sich halt irgendwie rum. Oder ich informiere mich vorher darüber. Ich lese es irgendwo, sehe es im Fernsehen oder ich google es einfach.” - “Und du meinst, all das ist nicht im weitesten Sinne Werbung?” - “Äh… nein!? Ach, weißt du was? Ich würde mir dann gleich einen iPod kaufen.” - “Alles klar”.
Dann kommt meistens noch sowas wie: “Ach, aber du bist ja Werbetexter. Es ist ja dein Job, mir alles im Mund rumzudrehen!”
Alles klar.
Dass nicht jede Werbung toll und gut ist, ist ja klar. Wie bei ALLEM im Leben, unterliegt auch die Qualität der Werbung quasi (ich finde es übrigens ziemlich nervig, wenn Leute ständig “quasi” sagen. Oder wenn sie alle paar Sätze eine Klammer eingeschieben. Da verliert man ja total die Übersicht!) einer Gauß’schen Normalverteilung. Und ja, das bedeutet auch, dass ungefähr die Hälfte eurer Babies nicht süß ist!
;-)
March 8th, 2011 at 16:03
Man könnte PR natürlich auch definieren als: “Unternehmen dabei helfen, dass sie sin der Presse nicht komplett doof aussehen.” (Jedenfalls definiere ich es für mich so ;) ) wenn man mal vom kleinstmöglicehn faqll ausgeht und schaut, was ein ‘Normalo’ so an die Zeitung senden würde als Presseinfo…
March 8th, 2011 at 16:09
1.) ich sage auch immer “quasi”!
2.) Und stimmt. Und nicht alle Babys sind süß.
3.) Werbung gehört dazu.
March 8th, 2011 at 16:16
Oliver, das ist deine, aber nicht die allgemeine Definition von PR ;-)
March 8th, 2011 at 16:17
@ Rozana: Stimmt. Ohne Werbung würde mir was fehlen. Mein Job, zum Beispiel ;-)
March 8th, 2011 at 16:58
Ich glaube schon, dass es eine bessere Welt wäre, wenn zum Beispiel McD. oder BurgerKönig realistische Fotos von ihren Burgern zeigen würde, um nur ein Beispiel von unglaublich verlogener Werbung zu nennen. Aber Lifestyle-Produkte bewerben halt nicht ein Produkt sondern einen Lifestyle, das ist z.B. das/ein Problem.
March 8th, 2011 at 17:11
Ich sehe auch viele moralische Probleme in der Werbung. Werbung an Kleinkinder zu richten, ist z.B. so eine Sache…
Und dann versuche ich, eben gerade so einen Quatsch nicht zu machen. Wenn Werbung wieder mehr Richtung Information geht, wäre die Welt wohl tatsächlich ein besserer Ort. Und dann müsste ich mir vielleicht nicht mehr anhören, dass ich wohl mein Geld mit dem vorsätzlich Belügen und Täuschen von Menschen verdiene (der Vorwurf langweilt mich ja schon etwas).
January 29th, 2012 at 20:34
Ich fände es viel besser, wenn bei McD. und BK die Burger so aussehen würden wie auf den Fotos. Andersrum nutzt mir nix.
Mir fehlt ohne Werbung nicht viel. Ich glaube auch nicht an die Gauß’sche Normalverteilung, sondern daran, dass 90% von allem Mist ist. 90% der Werbung stört mich. Zumindet der Werbung, die ich noch wahrnehme. Auch der Werbeprospekt vom Lidl, der in der Tageszeitung steckt. Nervt. Den habe ich nicht abonniert. Aber wenn ich dort einkaufe, dann nehme ich ihn mir mit. Klar. Habe ich mir dann ja auch so ausgesucht. Neulich im Hotel bin ich wieder daran erinnert worden, warum ich nicht fernsehe. Die Werbung da nervt. Und nicht weil sie schlecht ist, sondern weil sie so unverschämt ständig daher kommt. Man stelle sich vor, jede Sendung würde alle 10 Minuten von Nachrichten unterbrochen. Oder von jemandem, der Kafka vorliest. Das kann einem alles verderben. Radiowerbung? Hör mir auf. Warum nicht mehr Autofahrer Amok laufen ist mir ein Rätsel. Allerdings wird in Österreich bei der Radiowerbung noch mehr gesungen.
Ob 90% der Kinder süß sind, dazu habe ich hingegen keine Meinung. Ich lutsche nicht an Kindern.