BarCamp Stuttgart 2018: ein Haufen Learnings und Inspiration für die Zukunft | Sympatexter

BarCamp Stuttgart 2018: ein Haufen Learnings und Inspiration für die Zukunft

Das BarCamp Stuttgart ist mittlerweile bekannt dafür, dass man dort ein ganzes Wochenende lang Inspiration, spannende Gespräche, neue Kontakte, informative Sessions, Aha-Erlebnisse, Spaß und gutes Essen bekommt. Aber dieses Jahr fand ich das BarCamp besonders spannend. Was vielleicht auch daran lag, dass ich diesmal ohne Kinder unterwegs war – zum ersten Mal wieder seit vielen Jahren! Ich hatte das ganze Wochenende kinderfrei. Daher konnte ich – zum ersten Mal wieder seit vielen Jahren! – zum Vorabend-Event gehen. Und – zum ersten Mal wieder seit vielen Jahren! – an der Werwolf-Runde teilnehmen. Aber ich wiederhole mich 😀

Mein Samstag startete mit „ÜberzeuGENDERe Sprache“

Die Orthogräfin sprach über die Möglichkeiten des Genderns von Berufsbezeichungen und welche Bedeutung die Inklusion der weiblichen Form für das Verstehen und Denken während des Zuhörens/Lesens hat. Kleiner Tipp: eine große. Bei Twitter habe ich dann gefragt, welche guten, deutschen Vorschläge es denn für die weibliche Form von „Coach“ gibt. Als Antwort kam „Coachin“ – und ich merke einfach: Coachin? Das bin ich nicht, so würde ich mich nicht bezeichnen. Grundsätzlich bin ich ja ein großer Fan des generischen Femininums, denn im Wort Bürgerinnen sind auch die männlichen Bürger enthalten – aber andersrum ist das eben nicht der Fall. Und das Argument, die Frauen seien mit den Worten Bürger, Kunde oder Teilnehmer halt mitgemeint, finde ich extrem schwach. Warum man darüber so ewig darüber diskutieren und streiten muss, verstehe ich nicht. Aber nun gut, ich gendere ja in meinen Texten auch wenig, was sich auch schon an meinem Künstlernamen zeigt: Sympatexter. Denn wer sucht denn schon im Internet nach einer WerbetexterIN? Alleine schon der Vergleich des Suchvolumens „Texterin“ vs. „Texter“ spricht Bände: 306.000 vs. 17.900.000 bzw. 1: 58,5.

Nächste Session. Stichwort Minimalismus.

Martin hat darüber gesprochen, dass er seit einem Jahr keinen Kühlschrank mehr benutzt. In dieser Session habe ich überlegt: brauchen wir eigentlich unseren Gefrierschrank? Noch während der Session habe ich László angschrieben und ihm von meinem Gedanken erzählt. Und wir so: Nein, wir brauchen keinen Gefrierschrank. Diese Woche räumen wir also die gefühlt 3 Packungen Tiefkühlbrokkoli aus dem Gefrierschrank. Dann werden wir ihn abtauen und ausschalten.

Familienplanung – im wahrsten Sinne des Wortes.

Theuni beantwortete in der Session „Family Maintenance“ Fragen wie z.B. Wie plane ich eine Familie in Bezug auf Finanzen, Ernährung und Terminkoordination? Wie bringe ich Abholzeiten der Kinder, die eigene Karriere und Freizeit für jeden unter einen Hut? In dieser Session habe ich das erste Mal von YNAB (you need a budget) gehört. Besonders geil fand ich seinen ewigen Speiseplan: 12 Wochen lang jeden Tag ein anderes Rezept mit einer Einkaufsliste, die gleich auf das Handy synchronisiert wird. In diesem Artikel aus der Süddeutschen Zeitung kann man sich zu diesem Thema inspirieren lassen (das sind nur rein zufällig auch Stuttgarter).

Der Mensch ist dem Menschen ein Werwolf.

Am Samstag Abend steht beim BarCamp Stuttgart immer das Spiel Werwolf auf dem Plan. Ich habe, nachdem die Runde immer kleiner wurde und ich dann doch irgendwann von den Dorfbewohnern gemeuchelt wurde (ich war einer von euch!), im Nachtbus nach Hause viel über diese Spielrunde nachgedacht und zahlreiche Einsichten über mich gewonnen: Ich stelle fest – mal wieder! – dass ich hochgradig introvertiert bin. Was mir natürlich keiner glaubt, wenn ich ständig Live-Videos auf Facebook mache. Aber das ist ein ganz anderes Thema, finde ich. Wobei, nein, ich bin nicht immer introvertiert. Ich bin situationsbedingt introvertiert. Ich fühle mich unwohl in Gruppen und neige dann dazu, mich zurückzuziehen. Und eine Gruppe fängt bei 2 Personen an. Auch deshalb fühle ich mich in meiner Selbständigkeit so unglaublich wohl: nur ich bin verantwortlich und nur ich entscheide – so performe ich einfach am besten. Und dann fällt es mir auch überhaupt nicht schwer, nach vorne zu treten, sichtbar zu sein und z.B. auf einer Bühne aufzutreten.

Was ich in dieser episch langen Runde Werwolf (ca. 5 Stunden) auch noch über mich gelernt habe: Während andere Spieler zig Was-wäre-wenn-Situationen durchspielen und hochkomplexe Szenarien entwerfen, schaue ich darauf, wer wie mit den Füßen wippt, wer sich wie stark die Fingerknöchel reibt und wo sich die verstohlenen Blicke kreuzen. Und dann ist für mich alles klar. Oder doch nicht? Ich habe eine sehr gute Intuition, neige dann aber in der Gruppe dazu, meine eigene Intuition zu hinterfragen und ins Schwanken zu kommen. Wieder ein Pluspunkt für die Selbständigkeit.

Zudem bin ich ein schlechter Schau- und Rollenspieler und fühle mich extrem unwohl wenn ich unter Beobachtung stehe. All das ist sehr interessant, weil ich mich erinnere, vor gefühlten Äonen schon mal Werwolf beim BarCamp Stuttgart gespielt zu haben und ich habe überhaupt keine negativen Erinnerungen an diese Spielrunde aus 2009 oder 2010. Ich glaube, das hängt auch damit zusammen, dass wir damals eine viel kleinere Runde waren und nicht so viele Beobachter drumherum waren.

Ich bin eher der Typ Robo Rally als Werwolf, eher Risiko und Railrood Tycoon als Pen&Paper. Und wir haben da noch Cards against Humanity, das wir noch gar nicht ausgepackt haben… Bluffen und Taktieren sind für mich kein Problem, aber mit Rollenspielen habe ich es nicht so.

Weiteres Learning des Abends: Mit dem Nachtbus habe ich eine viel bessere Verbindung nach Hause als tagsüber: ich muss kein einziges Mal umsteigen und bin in unter einer halben Stunde zuhause. Wow.

BarCamp Tag 2 bzw. der „Qualitätssonntag“

Der zweite Tag des BarCamps gilt als Qualitätssonntag. An diesem Tag halten auch viele Neulinge eine Session (nachdem sie am Samstag in dieses BarCamp-Thema reingeschnuppert haben). Daher sind die Sessions am Sonntag thematisch oft auch breiter aufgestellt, was ich persönlich sehr schön finde.

 

Der Mann ohne Gedächtnis.

Der Sonntag startete mit Frank. Zumindest sagt man ihm, dass er so heißt. Frank ist ein 59 Jahre alter Mann, der eines Tages in Radolfzell neben einem Fahrrad aufgewacht ist und das Gefühl hatte: er muss nach Stuttgart radeln. Warum und wieso? Weiß er nicht mehr. Auch wie er heißt, weiß er nicht. Er erinnert sich an nichts – bis zu dem Moment, in dem er neben seinem (?) Fahrrad aufgewacht ist. In der Stuttgarter Bahnhofsmission hat er dann nach Hilfe gefragt. Das ist ungefähr einen Monat her und er hat immer noch keine Erinnerung an die vergangenen 59 Jahre. Aber handwerkliche Fähigkeiten und so etwas wie Schreiben, Lesen, Autofahren sind alle noch erhalten. Wirklich eine faszinierende Geschichte, die dann bei den BarCamp-Besuchern auch gleich zu philosophischen Fragen geführt hat: Frank scheint ein sehr glücklicher Mensch zu sein, der geborene Entertainer, ein richtig guter Sprecher – will er überhaupt wissen, was vorher passiert war? Denn vielleicht ist ihm auch etwas sehr Negatives widerfahren was zu seinem Gedächtnisverlust geführt hat. Jetzt hat er quasi die Chance eines Neuanfangs. Oder…? Sind wir die Summe unserer Erfahrungen? Ist Charakter etwas fest kodiertes? Wäre Gedächtnisverlust vielleicht eine gute therapeutisch Maßnahme bei gewissen ?

Handstand ist Kopfsache.

Auch ich habe eine Session gehalten. Zunächst hatte ich das gar nicht eingeplant, aber nachdem ich am Samstag von drei Leuten auf den Handstand angesprochen wurde, habe ich gedacht: ich mache einfach eine Handstand-Session. Ich habe in den vergangenen Wochen eine Routine entwickelt, die ich schon an einigen Leuten ausprobiert habe, u.a. an den Jungs von DT Media. Und ich kann behaupten: Bisher habe ich ausnahmenslos jeden zum Handstand gebracht – egal für wie unsportlich er/sie sich gehalten hat. Und auch in dieser Runde ist es mir gelungen. Da haben Leute einen Handstand hinbekommen, die schon seit über 20 Jahren (seit der Schule) nicht mehr auf ihren Händen gestanden sind. Mittlerweile weiß ich: Handstand ist Kopfsache. Wir bauen im Laufe unseres Lebens unglaublich viele und hohe Barriere in unserem Denken auf. So auch beim Thema Sport und in Bezug auf unsere eigene Leistungsfähigkeit. Viele denken pauschal: Handstand? Kann ich nicht. Das ist unglaublich schade, denn ein Handstand ist relativ leicht zu schaffen. Und wenn man ihn dann tatsächlich geschafft hat, ist man ganz verdutzt, denn wenn man in einer halben Stunde das eigene Weltbild sprichwörtlich auf den Kopf gestellt hat, was ist dann darüber hinaus noch alles möglich?

„So ein Haus umbauen ist gar nicht so schwer. Es gibt ja Wikipedia“

Nächste Session: Hagen Graf baut Häuser um. Und zwar in Fitou, an der französischen Mittelmeerküste. Ganz ohne handwerkliche Ausbildung. Wie es ihn dorthin verschlagen hat? Kann er gar nicht so genau sagen. Er wusste einfach nur irgendwann: er möchte weg aus Deutschland. In seiner Session „Meer vom Leben“ hat er sehr unterhaltsam von dem Abenteuer namens Haussanierung in Frankreich gesprochen. Besonders gut hat mir die Story gefallen, in der er erzählt hat, dass er die Inneneinrichtung in drei Ländern gekauft hat (Life Pro Tip: egal in welchem Land man bei IKEA etwas kauft, man kann es überall umtauschen) und was beim Grenzübertritt Schweiz-Deutschland so alles schiefgehen kann (abgelaufener Reisepass, Steuern usw.). Ich träume ja seit vielen Jahren davon, ein uraltes Fachwerkhaus zu kaufen und habe mir schon zig Videos angeschaut, wie man z.B. Gefache saniert. Nur damit ich vorbereitet bin, man weiß ja nie 😀

Bulletjournaling for Work

Rüdiger hat über das Thema Bulletjournaling gesprochen. Ich verfolge dieses Thema schon seit einiger Zeit ziemlich intensiv und nehme mir immer wieder vor, eines Tages damit anzufangen. Bulletjournaling ist eine analoge Möglichkeit, den eigenen Tag zu strukturieren und Aufgaben fokussiert anzugehen. Für Viele ist Bulletjournaling allerdings auch eine Kunstform. Ich durforste gerne Pinterest zu diesem Thema und bin immer wieder geflasht davon, was ich dort finde. Nach dieser Session habe ich mir vorgenommen: Eines Tages ist heute. Am letzten BarCamp-Tag habe ich mit meinem Bulletjournal angefangen und, was soll ich sagen, ich liebe es.

Mein persönliches Fazit zum BarCamp 2018

Selten hat mich ein BarCamp so inspiriert wie das diesjährige Stuttgarter BarCamp. Es war einfach richtig, richtig cool. Nächstes Jahr bin ich definitiv wieder mit dabei. Meine Pläne für 2019: verstärkt das Gespräch mit Leuten suchen, die ich noch nicht kenne. PowerPoint-Karaoke statt Werwolf. Wieder eine Session halten (Thema: tbd). Und vielleicht mal den Zufallsgenerator entscheiden lassen, welche Session ich mir anschaue 😀 Danke, Jan.