Bro-Marketer sind Unternehmer, die manipulative und aggressive Marketing-Methoden anwenden und die eine kurzsichtige Business-Strategie verfolgen. Bro-Marketing (bzw. „Cringe Marketing“ oder „Hype Marketing“) begegnet uns überall: Was früher die Drückerkolonnen waren (also Vertriebler, die an der Haustür die Leute unter Druck gesetzt haben, ein Zeitschriften- oder Telekom-Abo abzuschließen), sind heute die Bro-Marketer: unglaublich erfolgreich wirkende Lichtgestalten (um nicht zu sagen: Blender), die äußerst aggressiv vorgehen.

Wer ist der klassische Bro-Marketer?

In den allermeisten Fällen wird Bro-Marketing von Business-Coaches angewendet. Das sind also Coaches, die sich mit den Themen Positionierung, (Online-)Business-Aufbau, Vertrieb und Skalieren beschäftigen. Life-Coaches, Therapeuten und Health-Coaches hingegen nutzen Bro-Marketing eher selten, weil sie für gewöhnlich nicht mit so hohen Summen arbeiten (viele Business-Coaches bieten ihre Tätigkeit ab 10.000 Euro an. Von diesen Preisen sind die meisten Therapeuten bzw. Life-Coaches weit entfernt).

Woran erkennen wir nun Bro-Marketer? Hier ist meine (bestimmt nicht vollständige) Liste an Warnsignalen. Wichtig: Ein Coach kann einige der folgenden Punkte erfüllen und TROTZDEM ein guter Coach sein! Die Grenze zwischen den guten Coaches und den Bro-Marketing-Coaches ist fließend! Daher: Diese Kennzeichen sind keine absoluten Aussagen. Wenn ein Coach aber 5 oder mehr der folgenden Punkte erfüllt, rate ich zu Vorsicht!

Kennzeichen des Bro-Marketings

1. Der Klassiker des Bro-Marketings: Hard Selling

Hast du dich schon mal für ein Webinar angemeldet und dann ist plötzlich dein Posteingang explodiert, weil du dutzende Salesmails bekommen hast? „Hard Selling“ bezeichnet die Anwendung von aggressiven Verkaufsmethoden und das Drängen auf einen schnellen Verkaufsabschluss. Wenn du vor lauter Salesmails, Psychodruck im Verkaufsgespräch und Zeitdruck gar nicht mehr weißt, wo dir dein Kopf steht, bist du mittendrin im Hard Selling-Prozess eines Bro-Marketers. Oft höre ich auch, dass sich ein Call, das als Beratungsgespräch angepriesen wurde, als knallhartes Verkaufsgespräch entpuppt hat. Das Ziel des Hard Sellings ist es u. a., FOMO aufzubauen: das steht für „Fear of Missing Out“, also das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn man nicht jetzt sofort auf den Zug aufspringt. Bevor du die Entscheidung triffst, mehrere tausend Euro für ein Coaching oder Programm zu zahlen, solltest du vorher immer mindestens eine Nacht darüber schlafen. Wenn dir der Coach diese Zeit nicht gibt, hast du es sehr wahrscheinlich mit einem Bro-Marketer zu tun.

2. Starke Betonung der Leichtigkeit

Das ist der Punkt, der mich persönlich am meisten auf die Palme bringt: das Märchen von der Leichtigkeit. Wenn ein Coach behauptet, es sei einfach, ein Online-Business aufzubauen, du müsstest nur diese 5 Schritte befolgen und Hexhex, dein Online-Business steht, dann hebe ich nur eine Augenbraue und denke mir:

Das Märchen von der Leichtigkeit hat einen siamesischen Zwilling: das Märchen von der Schnelligkeit. Diese beiden sind untrennbar miteinander verbunden und werden von Bro-Marketern rauf und runter gepredigt, hier mal ein paar Beispiele:

  • Baue dir schnell dein sechsstelliges Online-Business auf! Es ist ganz leicht, wenn du diese Abkürzung nimmst!
  • Positioniere dich in drei Monaten als Premium-Coach auf dem Markt, du brauchst kein Vorwissen!
  • Mit dieser einen E-Mail habe ich 20.000 Euro Umsatz gemacht!
  • 10.000 neue Follower in 10 Tagen mit dieser einen, tollen Strategie!
  • Es darf leicht sein, dein xyz-Business zum Erfolg zu führen! Du musst dich nur dafür entscheiden!
  • Mit diesem einfachen Buch-Funnel bekommst du Kunden auf Autopilot!

Seien wir doch ehrlich: Es ist nicht leicht, ein Business aufzubauen. Und schnell geht das auch nicht: Ein Business aufzubauen, braucht Zeit. Etwa ein Jahr solltest du einplanen, um alleine die Grundlagen für dein Online-Business‘ aufzubauen. Der Grund: Du brauchst Zeit für Iterationen und Trial and Error, denn nicht jeder deiner Prototyp-Angebote ist gleich markttauglich. Auch deshalb haben wir 2021 unseren Onlinekurs komplett über den Haufen geworfen und The Content Society kreiert: Ein 1-Jahres-Blog-Programm zum Aufbau deines Blog-Business‘. Denn diese Zeit braucht es einfach! Ein Coaching, das dich in nur 3 Monaten von null auf fünf- oder sechsstellig oder zum skalierbaren Online-Business bringen will – das ist schlicht unrealistisch. Vielleicht hat das mal bei einer Person funktioniert, für die anderen 99,9 Prozent wird es nicht klappen.

Viele Coaches untertreiben den Aufwand in ihren Kursen bzw. Programmen immens. Da wird dann z. B. ein Programm mit 6 Modulen als 6-Wochen-Kurs angepriesen. Aber mit ein bisschen Erfahrung erkennt man, dass gerade die späteren Module für Anfänger niemals innerhalb einer Woche zu schaffen sind! Aber hey, wie praktisch: Denn dann kann man ihnen ein weiteres Coaching verkaufen!

Für viele, die gerade anfangen, sind die Themen wie Positionierung, Webseitentexte, Blog oder Launch eine riesengroße Herausforderung. Und alle, die mal versucht haben, ein Buch zu schreiben, wissen, dass sich das nicht mal eben so aus dem Ärmel schütteln lässt. Alleine so ein Projekt wie die Webseite mit den ganzen Texten, wie der Über-mich-Seite, dem Claim und den ersten Blogartikeln (und Fotos!) braucht mindestens 2 Monate.

Bei uns hat das auch einige Zeit und viele Iterationen gebraucht, bis wir so weit gekommen sind, wo wir heute stehen. Und nach wie vor überlegen wir ständig, was wir verbessern können. Wir tüfteln an neuen Angeboten, an unserem Onlinekurs und an unserer Positionierung.

3. Insignien des Erfolgs

Die ganze Kommunikation strotzt nur so vor „Premium“ und „Luxus“. Natürlich dürfen die Fotos vom Traumstrand nicht fehlen und nur ganz rein zufällig blitzt auf den Fotos eine teure Schweizer Uhr am Handgelenk hervor. Die Champagner-Flasche, die vermeintlich zufällig im Hintergrund steht. Maßanzug hier, schicke Schuhe da und natürlich ein teures Auto. Fehlen nur noch Geldbündel, die vollkommen unironisch auf dem Designertisch herumliegen… Hier rate ich definitiv zur Vorsicht, denn das ist ein verlässliches Zeichen eines Bro-Marketers!

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Wirklich gute und weitsichtig denkende Coaches sind ab einem gewissen Business-Level finanziell unabhängig und wohlhabend. Die Frage ist aber: (Wie) inszenieren sie das? Wirkt es wie ein natürlicher Bestandteil ihres Lebens oder wie eine Marketing-Masche?

4. Übertriebene und unrealistische Erfolgsversprechen

Jemand verspricht dir, dass du innerhalb von 3 Monaten fünfstellige Monatsumsätze erreichen kannst – und du bist ein Business-Einsteiger? Dann hast du es sehr wahrscheinlich mit einem Bro-Marketer zu tun! Fünf- oder sechsstellige (oder gar siebenstellige) Umsätze mögen vielleicht bei etablierten Experten oder Agenturen mit einer riesengroßen Liste und skalierbaren Angeboten möglich sein, aber bei Leuten, die sich ganz frisch selbständig gemacht haben? Nope!

Eines der häufigsten unrealistischen Erfolgsversprechen ist das Versprechen des passiven Einkommens. Viele Bro Marketer verkaufen den Traum vom passiven Einkommen, dabei lehren sie dann ein System, das wir nicht skalieren können. Gerade Business-Einsteigern ist oft nicht klar: Ein hochpreisiges Coaching, damit du selbst hochpreisiger Coach wirst – das ist kein skalierbares Business! Dann verkaufst du immer noch deine Arbeitszeit, selbst wenn du sie zu Mondpreisen verkaufst! Ein wirklich skalierbares Online-Business mit echtem passiven Einkommen kannst du dir NICHT mit 1:1-Coaching aufbauen. Das geht nur mit hochgradig automatisierten Selbstlerner-Kursen, Memberships, Affiliate-Einnahmen oder z. B. Buchverkäufen (hier findest du eine Liste von passiven Einkommensströmen und eine Definition von „passives Einkommen“) und indem du Schritt für Schritt 1:1 aus deinem Geschäftsmodell streichst. Und das ist für Einsteiger schlicht unrealistisch.

Deshalb Augen auf, wenn jemand das Buzzword „passives Einkommen“ benutzt! Du solltest unbedingt abchecken, ob das Coaching bzw. der Kurs dann auch wirklich zu deinem skalierbaren Geschäftsmodell führt. Wenn du in dem Coaching nicht lernst, einen Onlinekurs oder eine Membership aufzubauen und zu launchen, wirst du auch kein passives Einkommen generieren können. Und dann heißt es: Finger weg! Denn dann hast du es mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem Bro Marketer zu tun.

Gut zu wissen: Selbst bei etablierten Online-Unternehmern sind regelmäßige sechsstellige Monatsumsätze eine Seltenheit. Denn die meisten Online-Unternehmer mit einem skalierbaren Geschäftsmodell machen den Großteil ihres Umsatzes in Launches. Meistens macht man 2 oder vielleicht 3 Launches pro Jahr – in diesen Launch-Monaten ist das Einkommen hoch. In den anderen Monaten viel niedriger. Ein stark schwankender Umsatz ist komplett normal in einem skalierbaren Online-Business! It’s not a bug, it’s a feature!

5. Das „Stack Slide“

Stack Slide ist die Bonus-Schlacht, die dir weismachen möchte, dass ein Online-Kurs ein unfassbar guter Deal ist! In diesem Blogartikel (unter Punkt Nr. 3) wird sehr gut erklärt, wie das Stack Slide funktioniert: Wenn du diesen großartigen, lebensverändernden Was-auch-immer-Kurs buchst, bekommst du auch noch diesen Minukurs im Wert von 997 Euro und noch jene Checkliste im Wert von 197 Euro dazu! Die zig Boni und Add-Ons addieren sich dann auf eine hübsche Summe und so heißt es dann: Der Kurs kostet mit allen Boni eigentlich 12.000 Euro, aber du bekommst ihn für nur 1.997 Euro! Ein Idiot, wer da nicht zugreift – ooooder? Dass die ganzen Boni oft eine einzige Luftnummer sind, geschenkt! Die meisten Menschen nutzen diese Boni nicht, die Luftnummer fällt dann also meistens sowieso nicht auf. Aber sie entfaltet eine große psychologische Kraft und drängt erfolgreich zum Kauf.

Ich muss ganz ehrlich zugeben: Ich gebe auch manchmal Boni dazu, wenn ich meine Kurse verkaufe, wie z. B. mein Cräzy Bundle. Allerdings ist bei mir die Anzahl der Boni sehr überschaubar. Zudem achte ich auf eine realistische Preisangabe. Merke: Wenn der Wert der Boni den Kurspreis übertrifft, ist Vorsicht geboten!

6. Krasse Rabatte

Es gibt 2 Arten von Rabatten im Online-Marketing: Rabatte von ca. 10 bis 20 %, wenn du einen Kurs schon im Pre-Launch kaufst. Und unfassbar hohe Rabatte in Höhe von über 90 %, weil… ja, keine Ahnung, warum.

Immer wieder stolpere ich über Angebote, die sogar einen Rabatt von 99 % anbieten, so nach dem Motto: „Kaufe dir diesen großartigen Kurs für nur 4.997 47 Euro!“ Da frage ich mich jedes Mal: Was soll das? Warum verscherbelt jemand seinen Kurs dermaßen? War der ursprüngliche Preis womöglich fake? Ist das eine perfide Strategie, um ein Pocket Product (kleine digitale Produkte zu einem günstigen Preis von maximal 97 Euro) möglichst attraktiv erscheinen zu lassen? Wie auch immer: Es ergibt keinen Sinn und hat einen ganz hohen Fremdschäm-Faktor. Denn mit unserem Online-Business sind wir ja kein Klamottengeschäft, das unbedingt die Lager leer bekommen muss, bevor die nächste Kollektion geliefert wird. In diesem Fall verstehe ich so krasse Rabatte, denn bei Klamotten handelt es sich um physische Produkte, die Lagerraum und Verkaufsfläche wegnehmen. Ein Onlinekurs tut das nicht.

7. Starke künstliche Verknappung

Ein Angebot, das ausschließlich jetzt in diesem Call gültig ist – und danach nicht mehr: Starker Zeitdruck mit null Bedenkzeit und pushy Verkaufsgespräche sind der Klassiker im Bro-Marketing. Solche Gespräche sind voll mit psychologischen Tricks, die einem ein irgendwie seltsames Gefühl geben, aber man traut sich dann doch nicht, „Nein“ zu sagen. Und das nutzen die Bro-Marketer gnadenlos aus!

Gut zu wissen: Viele Bro-Marketer arbeiten mit künstlicher Verknappung. Das ist eine Verknappung ohne logischen Grund. Die künstliche Verknappung basiert einzig und allein darauf, dass du genau jetzt im Salescall oder Webinar bist. Dein Gegenüber lässt dann die Uhr laufen und gibt dir keine/kaum Bedenkzeit, um dich damit unter Druck zu setzen. Ganz krasses Beispiel: Du hast dich für ein Beratungsgespräch angemeldet, merkst dann aber, dass du in einem knallharten Salescall gelandet bist. In diesem Call heißt es dann: Hier bekommst du einen Spezialpreis (z. B. 30 % günstiger), der nur für die nächsten 30 Minuten gilt. Alarmistische Countdown-Timer und schnell auslaufende Spezial-Preise sind klare Anzeichen einer künstlichen Verknappung.

Es gibt allerdings auch eine natürliche Verknappung. Beispiel: Wenn ich The Content Society launche, ist der Launch irgendwann zu Ende, weil ja dann der Kurs anfängt. Das Datum des Kursanfangs ist die natürliche Zeitgrenze, bei der jemand gebucht haben muss, um teilnehmen zu können. Die natürliche Verknappung hat also einen logischen Grund und gilt für alle Interessenten/Käufer gleichermaßen.

Das Gegenteil von Hard Selling ist für mich Tarzan Kay, meine persönliche Newsletter-Göttin. Sie selbst hat vor einiger Zeit dem Bro-Marketing abgeschworen (sehr lesenswert: Ihr Blogartikel rund um das Thema „The Cult of Online Business„) und sagt in ihren Newslettern immer ganz klar, was Sache ist. Wie z. B. hier im PS ihres Newsletter vom 25. Februar 2022: Da schreibt sie jetzt schon, wie viel ihr Kurs kosten wird und was der Downsell sein wird. Kein FOMO, kein Hard Selling, sondern einfach nur Infomation. I love it!

8. Fake-Testimonials

Testimonials sind Kundenstimmen. Im Grunde geht es bei Testimonials darum, dass du deine Kunden erzählen lässt, wie sehr ihnen dein Produkt geholfen hat. Oder: Deine Kunden haben dir ein tolles Feedback gegeben (z. B. per Messenger oder Kommentar) und du fragst, ob du das als Testimonial nutzen darfst. Testimonials sind ein sehr beliebtes Marketing-Tool und es gibt hier auch nichts auszusetzen – solange die Testimonials echt sind. Und damit sind wir auch schon beim größten Problem mit diesen Fake-Testimonials: Es ist extrem schwer, herauszufinden, ob ein Testimonial echt oder fake ist. Aber es gibt ein paar Hinweise: Bei einer Google-Suche nach dem Namen des vermeintlich erfolgreichen Coaching-Kunden bzw. Onlinekurs-Teilnehmers findest du nichts? Oder nur eine halbgare Webseite ohne echten Content, also ein potemkinsches Digital-Dorf? Dann könnte ein Bro-Marketer am Werk gewesen sein! Ich weiß, dass im Bro-Marketing oft die besten Kumpels als Fake-Testimonials herangezogen werden. Mir persönlich ist diese Methode in meinem Umfeld bisher noch nicht begegnet, aber aus zahlreichen Blogartikeln weiß ich, dass das eine gängige Methode ist.

Eine Variation von „Fake-Testimonials“ ist das Thema Links: Wenn sich jemand als sehr erfolgreich mit super vielen Kunden und Erfolgsgeschichten inszeniert, muss sich das doch, wenn das wirklich authentisch ist, im Internet spiegeln. Denn begeisterte Kunden schreiben dann gerne über ihre Erfolge und nennen bzw. verlinken dann auch das Coaching bzw. den Onlinekurs, dem sie diesen Erfolg zu verdanken haben. Wenn sich hier kaum etwas findet, wäre ich zumindest skeptisch.

Sehr praktisch: Es gibt SEO Tools, mit denen man schauen kann, wie oft eine Webseite verlinkt wurde – und von wem. Damit kann man schauen, wie oft ein Coach im Internet erwähnt wurde. Das gibt schon mal einen guten ersten Überblick und entlarvt Bro-Marketer recht zuverlässig.

9. Fake-Follower

Ein erster Blick auf Instagram zeigt: Ah, dieser Coach hat tausende Follower, also muss ja was dran sein, oder? Aber ein zweiter Blick zeigt: Die Bilder haben wenige Likes und kaum richtige Kommentare (also alles, was über 3 Wörter und/oder Emojis hinausgeht). Hier wäre ich mindestens skeptisch! Denn das könnte auf gekaufte Follower hindeuten.

Auch Vorsicht bei Coaches, die bei LinkedIn tausende Kontakte, aber kaum Aktivität unter ihren Postings haben. Wenn du dir überlegst, einen Hochpreis-Coach zu buchen, nimm unbedingt das LinkedIn-Profil des Coaches genauer unter die Lupe: Hat die Person Bewertungen erhalten? Von wann sind diese Bewertungen, wie umfangreich sind sie? Schau dir die Profile der Personen an, die diese Bewertungen abgegeben haben: Sind das aktive Profile, wirken die echt? Wenn die Person hingegen gar kein LinkedIn-Profil hat, klingeln bei mir die Alarmglocken: Denn ich meine, wie kann es sein, dass ein Business-Coach kein LinkedIn-Profil hat?

10. Starker Fokus auf Umsatzzahlen wie „sechsstellig“ und kein höherer Sinn des Business‘

Wenn sich in der Kommunikation eines Coaches alles nur um den Umsatz dreht, wäre ich schon mal sehr skeptisch. Denn das riecht schon sehr stark nach Bro-Marketing. Und erst recht, wenn der Coach sein eigenes und zudem bestes Testimonial ist. Wenn er dir eine Geschichte im Stile von „vom Tellerwäscher zum Millionär“ auftischt und er seinen eigenen Umsatz in den Vordergrund stellt, kannst du mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass du für diesen Bro Marketer nur eine Nummer bist, um seinen Umsatz zu erhöhen und damit noch mehr Menschen zu beeindrucken. Im Bro-Marketing gilt: Umsatz ist wichtiger als Wirkung oder Beziehungen – und das lässt uns der Bro Marketer spüren!

Klar, die Umsatz-Marke von 100.000 Euro ist natürlich sehr anziehend, welcher frischgebackene Selbständige würde nicht gerne 100.000 oder gar eine Million Euro pro Jahr verdienen? Im Bro-Marketing hört es hier aber auf: Umsatz, um halt… Umsatz zu machen! Dabei weiß jeder Idealist: Money needs Purpose. Geld braucht ein Ziel, eine Bestimmung! Und hier trennt sich die Bro-Spreu vom Idealisten-Weizen: bei der Frage, ob das Business einem höheren Zweck dient oder nur, um den nächsten Sportwagen zu finanzieren.

Sind wir nur eine Nummer, um das Konto eines Coaches anwachsen zu lassen? Dann ist er ein Bro Marketer. Oder sucht ein Coach wirklich den Austausch, ist er nahbar und will er eine langfristige Kundenbeziehung aufbauen? Hat der Coach eine große, positive Vision, die er verfolgt? Will er die Welt zu einem besseren Ort machen? Oder schraubt er nur an seiner eigenen Erfolgsgeschichte? Das sind wichtige Fragen, die wir stellen sollten, bevor wir uns für einen Coach entscheiden, denn sonst kann es sein, dass wir in der 6- bzw. 7-stelligen Hype-Spirale landen, die uns in den Bro-Marketing-Burnout treibt.

11. Wenig/kein werthaltiger frei zugänglicher Content

Der Blog ist eine reine Tschakka-Show und es finden sich dort nur Testimonials und suchmaschinenoptimierte Expertenartikel? Der Content des Coaches ist eine reine Keyword-Schlacht, um noch mehr Leads reinzubekommen? Es liest sich alles, wie von einer KI (künstlichen Intelligenz) zusammengeklöppelt? Keine Spur von persönlichen Blogartikeln, die auch mal einen Einblick in den Alltag des Coaches zeigen oder womöglich auch mal Selbstzweifel oder eine Verletzlichkeit an den Tag legen und seine Entwicklung dokumentieren? Das muss zunächst nicht unbedingt etwas Negatives bedeuten, denn selbst viele etablierte Experten tun sich schwer damit, Persönlichkeit und Verletzlichkeit zu zeigen. Aber dann ist zumindest eine gewisse Skepsis angebracht.

Besonders skeptisch bin ich übrigens, wenn ich gar keinen Blog vorfinde. Denn eine tolle Webseite kann man sich schnell zusammenschreiben. Aber guter Content braucht Zeit und eine echte Auseinandersetzung mit dem eigenen Thema. Viele Bro Marketer scheuen diesen Aufwand und stecken ihre Energie lieber in eine schicke Webseite und schöne Fotos. Und wenn sie merken, dass eine Strategie nicht aufgeht, springen sie zur nächsten erfolgversprechenden Strategie (früher war das z. B. Affiliate-Marketing, jetzt ist es das Hochpreis-Coaching). Da bleibt logischerweise keine Zeit mehr, die man in Content investieren könnte und warum sollten sie sich diesen Aufwand machen, wenn sich ihr Geschäftsmodell im nächsten Monat wieder ändern könnte? Und genau deshalb bin ich misstrauisch, wenn (Hochpreis-)Coaches, die sich als Premium und „established“ inszenieren, keinen Blog haben. Denn wie kann es sein, dass jemand angeblich jahrelang erfolgreich im Business ist, aber in der ganzen Zeit keinen Content produziert und nicht die Notwendigkeit gesehen hat, sich seine Content-Autorität aufzubauen?

12. Dein Mindset ist schuld!

Bro Marketer lieben das Mindset! Sie reden ständig davon: Noch bevor du ihren Kurs kaufst, sprechen sie davon, wie du „in dich investieren“ musst, bevor du dein Business und Leben transformieren kannst. Die bis zu fünfstelligen Summen für ihr Coaching gibst du aus, um deinen Geldmuskel zu trainieren, um ein Signal an das Universum zu senden, um deine Energie/Schwingungen neue auszurichten oder um deinem Money Mindset einen Schubs zu geben. Du musst Geld ausgeben, bevor es wieder x fach zu dir zurückfließen kann. So „framen“ sie die hohen Kosten für ihre Kurse und Coachings sehr geschickt als notwendig, um dir zum Erfolg zu verhelfen.

Während des Kurses bzw. Coachings ist das Mindset auch wieder Thema. Es gibt im Kurs/Coaching Module rund um die Themen Money Mindset, Energetisches Marketing bzw. Erfolgsmindset. Es herrscht eine Tschakka-Mentalität vor, die keinen Widerspruch duldet. Die Folge davon ist toxische Positivität: ein paar Erfolgsbeispiele werden hochgejubelt – die anderen hatten wohl nicht das richtige Mindset und haben sich nicht den Erfolg in ihr Business eingeladen. Wenn unser Mindset zum Sündenbock für den ausbleibenden Erfolg wird, sollten alle Alarmglocken läuten!

Damit sind wir schon bei der nächsten Funktion des Mindsets: Nämlich um dir die Schuld zu geben, wenn etwas nicht funktioniert: Dein Launch ist gefloppt? Niemand lädt dein Freebie herunter? Wie, der Setup deines Funnels geht nicht in einer Woche?? Da hast du wohl nicht stark genug an deinen eigenen Erfolg geglaubt! Warst du etwa im Mangeldenken? So KANN das ja gar nicht funktionieren, denn deine Zielgruppe riecht das 5 Kilometer gegen den Wind! Das ist natürlich sehr überspitzt ausgedrückt, aber solche Aussagen begegnen mir immer wieder: Anstatt Problemen auf den Grund zu gehen und vielleicht auch mal zuzugeben, dass eine Strategie nicht sinnvoll war und Lösungen zu finden, spielen Bro-Marketer die Mindset-Karte aus.

Natürlich muss ich hier dazusagen: Klar, ist das Mindset wichtig im Online-Marketing. Unser Selbstbewusstsein und ob wir trotz Selbstzweifeln ins Tun kommen, sind wichtige Erfolgsfaktoren in unserem Business und Leben. Nur: Die meisten Launches bzw. Business-Strategien scheitern nicht am Mindset, sondern an ganz profanen Dingen. Hier sind die Top 3 Gründe, warum Launches im Online-Business scheitern:

  1. Deine Launch-Liste war zu klein.
  2. Dein Angebot war nicht attraktiv.
  3. Die Conversion Rate war zu niedrig.

Und all diese 3 Dinge lassen sich nüchtern betrachten und dann optimieren. So ganz ohne das Mindset umbauen zu müssen. Manchmal sind es auch einfach nur technische Probleme, die den Erfolg verhindern: Nicht jeder ist der geborene Funnel-Experte, der eine Zapier-Automation in 5 Minuten hinbekommt. Nicht jeder kann im Schlaf ein Freebie online bringen und eine E-Mail-Sequenz aufsetzen. Wenn das nicht klappt, liegt es nicht an deinem Mindset! Wie du mit Rückschlägen und Frust umgehst, hingegen schon. Aber um das zu lernen, brauchen wir kein 10.000 Euro-Coaching. Das ist einfach Lebenserfahrung ;-)

Warum ist Bro-Marketing schädlich für unser Business?

Die Strategien, die ich oben genannt habe, sind daily (Online-)Business und nicht kriminell. Sobald wir mit dem Gedanken spielen, uns selbständig zu machen oder gar ein Online-Business aufzubauen, begegnen wir auf Schritt und Klick dem Bro-Marketing. Und trotzdem rate ich dir (und uns allen) ausdrücklich vom Bro-Marketing ab. Warum?

Weil Bro-Marketing moralisch zweifelhaft ist. Weil es unserer Marke schadet. Weil, wenn wir im Herzen Idealisten sind, uns das Bro-Marketing Kunden bringt, an denen wir verzweifeln und ausbrennen. Bro-Marketing treibt uns in die kognitive Dissonanz: Wir wollen eigentlich das Richtige tun, aber wir wenden Methoden an, von denen wir genau wissen, dass sie nicht richtig sind. Diese kognitive Dissonanz frisst unsere geistige Bandbreite, die uns dann fehlt, wenn wir z. B. launchen oder ein neues Angebot entwickeln wollen. Zudem, so lautet meine wilde Theorie, kann kognitive Dissonanz zu Content Ängst führen und uns dann z. B. beim Schreiben unseres Newsletters blockieren. Und das schadet unserem Business massiv.

Es ist unglaublich schwer, kein Bro-Marketing zu machen

Wenn wir in das Abenteuer Online-Business starten, begegnen wir schnell den besonders erfolgreichen Business-Strategien und Koryphäen unserer Branche. Gerade weil sich Bro Marketer so gut inszenieren können, haben sie eine große Sichtbarkeit. Sie ziehen die Online-Business-Einsteiger geradezu magisch an und aufgrund ihrer geringen Erfahrung haben die Online-Business-Einsteiger ihnen wenig entgegenzusetzen. Auch wenn wir das Glück haben und als Anfänger nicht im Orbit dieser Bro-Marketer landen, sind wir dennoch ständig von diesen Bro-Strategien umgeben. Bis wir eines Tages denken, das alles sei normal und nötig, um ein Business aufzubauen. Denn wenn etwas erfolgreich ist, muss es ja die richtige Strategie sein. Und unser Widerwille dagegen sei nur Ausdruck davon, dass wir unsere eigene Komfortzone verlassen – was notwendig ist, um im Business erfolgreich zu werden. Oder vielleicht doch nicht…? Bro Marketer sind super in der Manipulation, sodass wir uns irgendwann selbst nicht mehr sicher sind, ob wir unserem Bauchgefühl überhaupt noch trauen können.

Ich glaube, dass das Ent-Bro-isieren unseres Business‘ ein Prozess ist. Der erste Schritt ist, dass wir uns dessen überhaupt erst einmal bewusst werden: Bro-Marketing ist nur eine Option, gegen die wir uns bewusst entscheiden können.

Bin ich ein Bro Marketer?

Ich mache auch mal Fehler in meinem Business und ja, zugegeben, ich habe früher ab und zu einen Countdown-Timer in meinen Salesmails benutzt (siehe Nr. 8: Starke künstliche Verknappung). Einige meiner Salesmails von früher würde ich heute nicht mehr verschicken. Was meine Erfolgsversprechen angeht, war ich allerdings von Anfang an sehr sensibel: einen Blog starten in 8 Wochen? 52 Blogartikel in einem Jahr veröffentlichen und mit dem eigenen Blog das Business aufbauen? Aus Erfahrung wissen wir, dass das umsetzbar ist.

Die Frage ist: Wo fängt Bro-Marketing überhaupt an? Ein Beispiel aus meinen Launches: Ich verschicke am letzten Launch-Tag 5 Mails, die alle sehr lustig und unterhaltsam sind. Meiner Meinung nach enthalten sie kein Hard Selling. Und ich mache im Vorfeld immer wieder darauf aufmerksam, dass ich am letzten Tag so viele Mails verschicken werde und dass sich die Leute auf meiner Liste jederzeit von diesen Mails austragen können. Ich bekomme viele begeisterte Antworten auf diese Mails, manche Leute tragen sich auch nur deshalb für meine Launches ein, weil sie meine Salesmails so toll finden. Und dennoch gibt es auch immer wieder ein paar Menschen, die sich beschweren, ich würde zu viele Mails schicken und dass das total nervt. Ihrer Meinung nach mache ich Bro Marketing – andere hingegen würden widersprechen.

Das Marketing ist ein Spektrum zwischen Bro-Marketing und ethischem Marketing. Und mit allem, was wir in unserem Business tun, oszillieren wir auf einem Abschnitt innerhalb dieses Spektrums. Wir können entscheiden, wo sich „unser“ Abschnitt auf diesem Spektrum befindet. Nur weil wir jemanden triggern oder nerven, heißt es nicht, dass wir Bro Marketer sind. Andererseits: Nur weil wir viel Zuspruch bekommen, bedeutet es nicht, dass alles, was wir machen, astrein ist. Wir sollten regelmäßig unsere eigenen Strategien betrachten und uns fragen, ob das noch okay ist.

Der Übergang vom ethischen Marketing zum Bro-Marketing ist fließend. Manchmal verwischen die Grenzen oder unsere eigene Bewertung von Marketing-Praktiken ändert sich mit der Zeit. Das ist okay und zeigt, dass wir uns weiterentwickeln. Unsere Selbständigkeit ist wie ein unkartierter Kontinent: Wir finden den Weg, indem wir ihn gehen. Und wir lernen mit jedem Launch, mit jedem Konflikt und auch mit jedem Erfolg dazu. Ich möchte mich nicht dafür geißeln, dass ich früher Fehler gemacht oder in kniffligen S(h)ituationen nicht perfekt reagiert habe. So ist das Leben. Die Frage ist: Was mache ich daraus?

Ich für mich kann sagen: Ich lerne aus meinen Fehlern und strebe danach, es besser zu machen. Ich bin ein Idealist: Ich träume von einer Welt, in der uns Integrität weiter trägt als Marketing-Blendgranaten. Ich wünsche mir eine Wirtschaft, in der Lügen wirklich kurze Beine haben und in der Dunstleister keine Chance haben. In der es vollkommen normal ist, einem Ehrenkodex zu folgen. Ich wünsche mir, dass wir uns gegenseitig unterstützen und zu Sichtbarkeit verhalfen, statt im stillen Kämmerlein an unserem eigenen Content-Ding zu schrauben. Ich wünsche mir, dass wir uns alle viel mehr vernetzen (wie wäre es z. B. wenn wir die Blogroll wieder zum Leben auferwecken würden?), denn ich glaube, dass das der Weg ist, um dem Bro-Marketing etwas Wahrhaftiges entgegenzusetzen. Wir können realistischere Kurs-Versprechen und Zeitangaben machen. Wir können damit anfangen, dass wir uns gegenseitig öfter verlinken und wieder mehr unter den Blogartikeln kommentieren und damit unsere eigenen Plattformen stärken, statt dass wir unsere Diskussionen zum gigantischen Bro-Motor namens Facebook verlagern. Und vor allem: Wir können über dieses Thema diskutieren und damit das Thema Bro-Marketing auf den Schirm von Tausenden Menschen bringen.

Wir haben es in der Hand. Let’s un-bro Online Business together!

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