„Warum hast du gekündigt?“ fragt Michaela in ihrer Blogparade rund um die Geschichte unserer Selbständigkeit. Das ist die erste Frage in ihrer Auflistung und gleich da habe ich so ein innerliches Zonk-Gefühl: Mein Start in die Selbständigkeit entspricht nicht dem idealen Bild der selbstbestimmten Expertin, die aktiv und mit wehenden Fahnen das Angestelltendasein hinter sich lässt, um ihren Neustart in ihr persönliches goldenes Zeitalter zu machen.
Denn ich habe nicht gekündigt, ich wurde gekündigt. Nicht nur einmal. Nach dem zweiten Mal habe ich langsam angefangen, es uncool zu finden. Beim ersten Mal, 2007, hat die Agentur, bei der ich angestellt war, zwei große Kunden verloren und alle, bei denen es irgendwie ging, wurden gekündigt: Freelancer und Probezeitler zuerst! Ich war auf der Zielgerade meiner Probezeit als Junior-Texterin und gefühlte 5 Meter vor dem Ziel hieß es: zack, du bist raus. Meine zweite Kündigung kam 2009 im Zuge der Wirtschaftskrise – auch in der Probezeit! Ok, habe ich mir gedacht: Das scheint mir irgendwie nicht zu liegen, dieses Angestelltendasein. Ganz abgesehen von dem ständigen Gefühl der Unsicherheit habe ich mich auch einfach oft unwohl gefühlt, zur Arbeit zu gehen. Das ständige Arbeiten für die Mülltonne. Mein Gefühl, ständig unter Beobachtung zu stehen (habe ich schon erwähnt, dass ich die Probezeit hasse?). Als ziemlich normaler Mensch, der das große Talent hat, sehr kreativ zu sein, kam ich mir in einer Umgebung voller Werbehipster mit crazy Hobbies, Frisuren und Tattoos sehr oft deplatziert vor. Es gab Zeiten, da hatte ich schon sonntags Bauchschmerzen beim Gedanken daran, am nächsten Morgen zur Arbeit zu gehen. Nach meiner zweiten Kündigung habe ich daher beschlossen: Ich mache mich selbständig!

Die Selbständigkeit wurde mir nicht in die Wiege gelegt

Es hat in meinem Leben nicht viel darauf hingedeutet, dass ich mich jemals selbständig machen würde, geschweige denn als Texterin. Geboren und aufgewachsen im sozialistischen Rumänien, wo Unternehmer immer ein bisschen suspekt waren und in der Wahrnehmung zwischen korrupt und Bonze oszillierten. Bei den drei Stationen meiner Ausbildung (Mediengestalter-Ausbildung an der Lazi Akademie in Esslingen, Texterschmiede in Hamburg, Medienmanagement-Studium an der Hochschule Heilbronn) habe ich rein gar nichts zum Thema Selbständigkeit gelernt. Und auch in meiner Familie gab es weit und breit keine Selbständigen. Ich war damals umgeben von Menschen, die beim Thema Selbständigkeit erst mal ganz scharf die Luft eingezogen, die Braue gehoben und geraunt haben: „Das ist aber ganz schön riskant“. Also, klassische Angestellte. Egal, der Entschluss war gefasst: Ich mache mich selbständig.

Selbständigkeits-Kungfu: Die Sache mit der Krankenversicherung und dem Gründerzuschuss

So kam es also, dass ich im Frühling 2009 innerhalb eines Kalendermonats sowohl angestellt, arbeitslos als auch selbständig war. Für das Finanzamt und die Krankenkasse war das ziemlich kompliziert. Ich kann mich noch erinnern, wie ich einmal zur Stuttgarter Niederlassung meiner Krankenkasse gegangen bin weil ich telefonisch keine richtige Antwort bekommen habe. Ich war bei drei Beratern und habe drei verschiedene Antworten bekommen. Das Ganze hatte einen gewissen Kafka-Vibe. Leider weiß ich meine Frage von damals nicht mehr… Hatte aber vielleicht etwas mit meinem Status als freiwillig Versicherte und meiner Beitragshöhe wegen Gründerzuschuss zu tun. Und damit sind wir auch schon bei meiner nächsten Station: Arbeitsamt. Ich hatte einen fancy Businessplan geschrieben und einen Antrag auf Gründerzuschuss gestellt. Das Arbeitsamt war grau und bei meinem Versuch, meine Tätigkeit anzugeben, habe ich festgestellt, dass es auf dem Vordruck keinen Job namens „WerbetexterIn“ gab. Nur irgendwas mit Schriftstellerei oder Journalismus. Aha, dachte ich mir, ist ja nicht so, dass Werbetexter eine neumodische Erscheinung wären. Immerhin war es easy, den Gründerzuschuss zu bekommen. Damals war der Staat noch nicht so knauserig, einige Jahre später hat fast niemand mehr den Gründerzuschuss bekommen.

First things first in der Selbständigkeit: Steuerberatung

Eine meiner ersten Amtshandlungen als frischgebackene Selbständige war es, mir eine Steuerberaterin zu suchen. Denn ich wusste schon sehr früh: Auf Steuern & Co. habe ich null Lust. Gesucht, gefunden, abgecheckt. Dann konnte ich mich spannenderen Aufgabe widmen – wie z. B., Kunden zu gewinnen. Tja, ähm… wie geht das? Bevor ich mich näher mit dieser Frage beschäftigen konnte, habe ich schon die ersten Anfragen bekommen: Ein Digitalkonzept für eine Unternehmensberatung erstellen, Texte für ein Startup im Bereich Flugzeugtechnik schreiben (vor Ort in der Nähe des Stuttgarter Flughafens) und Kampagnenideen für eine Stuttgarter Eventagentur entwickeln – das waren in 2009 meine ersten Projekte als Freelancerin. Über Mundpropaganda und das Internet sind die Agenturen, Startups und Unternehmen auf mich aufmerksam geworden. Ich musste kaum Akquise machen – mir kam zugute, dass ich schon lange gebloggt hatte und in der Stuttgarter Agenturszene gut vernetzt war.

2010 bis 2019: Ein Jahrzehnt voller Freelancing

Nachdem ich in der Festanstellung nie so richtig angekommen bin, mich immer unsicher gefühlt habe und wie eine Hürdenläuferin von Agentur zu Agentur gesprungen bin, bin ich in meiner Selbständigkeit umso beständiger. Die 2010er Jahre war ich komplett selbständig. Ich habe viele Agenturen von innen gesehen, tolle Projekte gemacht, sehr viel gelernt und viele Awards gewonnen. Mein Stundensatz hat sich von 30 Euro (oh man, ich weiß) auf 120 Euro vervierfacht. In meiner Selbständigkeit habe ich mich kein einziges Mal so unsicher gefühlt wie als Ang(stg)estellte. Gegen Ende der Nullerjahre habe ich allerdings bemerkt, dass diese Arbeit für mich in der damaligen Form nicht mehr funktioniert hat: Die Arbeitszeiten waren nicht mit der Tatsache vereinbar, dass ich 3 Kinder hatte. Während in vielen Agenturen die Leute erst um 10:00 Uhr eintrudeln, hat der Kindergarten meiner Kids bereits um 14:30 Uhr geschlossen. Und ich war halt der Typ Inhouse-Texter, ich wollte und musste immer vor Ort in den Agenturen arbeiten, um auf kreative Touren zu kommen. Ich konnte die fehlenden Arbeitsstunden dann auch nur zu einem gewissen Grad mit einem höheren Stundensatz kompensieren – aber irgendwann gab es da einfach eine Grenze, die ich nicht mehr knacken konnte.

Selbständigkeit 2.0: Unternehmerin mit Onlinekursen und -Programmen

Seit 2018 habe ich mich in meiner Selbständigkeit von der Dienstleisterin zur Online-Unternehmerin entwickelt. Diese Entwicklung hat sich schon seit 2016 abgezeichnet, seit ich meine Dozententätigkeit an der Stuttgarter HfK begonnen habe. In meinen Vorlesungen im Fach Werbetext und Konzeption habe ich den Vorläufer meiner Onlinekurse entwickelt wie z. B. den Claim-Crash-Kurs. Mein Onlinebusiness zu starten, war allerdings nicht meine gleiche Tätigkeit wie als Freelancer nur in digital, sondern ein ganz neues Business. Ich habe im Januar 2018 also, parallel zu meiner Freelancer-Tätigkeit, komplett von vorne angefangen und alles infrage gestellt und von Grund auf neu aufgebaut: Wer ist meine Zielgruppe? Was sind meine Produkte? Was kann ich besser als andere Texter und wo liegen meine größten Stärken? Rückblickend sieht alles so logisch, zwingend und wie eine schnurgerade Entwicklung aus – aber damals waren mir die Antworten auf diese Fragen nicht so klar wie sie es heute sind. Zum Beispiel war meine Ideen-Infusion anfangs an Agenturen gerichtet. Meine Idee war, Agenturkreative bei ihren Briefings und Kampagnen zu unterstützen. Allerdings haben genau 0 Agenturkreative meine Ideen-Infusion gebucht :-D Irgendwann habe ich dann verstanden, dass da draußen eine ganz neue, spannende Zielgruppe auf mich wartet, die von meiner Erfahrung als Bloggerin und Texterin profitieren kann: Selbständige und Unternehmerinnen, die ihre Texte nicht an eine Agentur oder Freelancerin geben wollen, sondern selber texten lernen möchten. Auf den Bedürfnissen dieser Zielgruppe habe ich seit dem Sommer 2018 meine Produkte aufgebaut, meine ersten Gruppenprogramme gelauncht und schließlich im Dezember 2019 die Sympatexter Academy an den Start gebracht.
Jetzt, im Sommer 2020, habe ich meine Freelancer-Tätigkeit offiziell an den Nagel gehängt. Die Zweigleisigkeit raubt mir Energie und irgendwie bin ich dann nirgendwo „all in“. Hach… Wehmut und Aufbruch. In meinem Newsletter vom 24. Juni 2020 habe ich geschrieben:
„Mir war schon die letzten 2 Jahre klar, dass dieser Schritt irgendwann kommen würde. Aber ich habe ihn hinausgezögert. Jetzt, da ich diesen Schritt, ach was, sagen wir lieber Sprung, gemacht habe, bin ich erleichtert aber auch… irgendwie traurig.

Denn das Freelancen war für mich nicht nur irgendeine Tätigkeit, mit der ich seit 2009 mein Geld verdient habe. Das Freelancen für Agenturen war für mich geradezu identitätsstiftend. Auch der Name „Sympatexter“ ist im Kreativbiotop der Agenturwelt entstanden, damals, als ich an der Texterschmiede in Hamburg meine Ausbildung gemacht habe (anno 2001. Ungefähr 5 Jahre vor dem ersten iPhone, just saying :-D).

Der Schritt, meine Freelancing-Tätigkeit zu beenden, ist mir also nicht deshalb so schwergefallen, weil ich jetzt kein „sicheres Einkommen“ mehr habe. Und auch nicht nur weil jetzt für mich eine Zeit zu Ende geht, die mir so, so viel Spaß gemacht hat. Eine Zeit, in der ich tollen Menschen begegnet bin, unglaublich viel gelernt habe und an den spannendsten und aufregendsten Projekten mitmachen durfte. Ein paar uncoole Sachen sind auch passiert, aber abgesehen von diesen uncoolen 3 % war es eine tolle Zeit.

Der Schritt, das Freelancen hinter mir zu lassen, ist mir deshalb so unfassbar schwer gefallen, weil ich da diesen einen Glaubenssatz hatte, den ich lange Zeit nicht richtig greifen oder gar formulieren konnte. In den letzten Tagen habe ich dieses Gedanken-Ungetüm aber zu Fassen bekommen:
Und zwar dachte ich, dass ich keine richtige Kreative mehr bin, wenn ich nicht mehr für Agenturen freelance. Dass ich dann gar kein richtiger Sympatexter mehr wäre. Dass mein Kreativmuskel erlahmt, wenn ich keine Kampagnen mehr konzipiere, keine Headlines mehr schreibe. Dass mein Traum aus den Anfängen meines Designstudium, jemals Creative Directrice zu werden, sich damit endgültig in Luft auflösen würde.
Witzig, dass ich so lange gebraucht habe, um etwas ganz wichtiges zu erkennen:
Ich bin das schon alles, ich mache das schon alles!
Kampagnen konzipieren? Tue ich ständig. Nur heißen sie jetzt Launches. Headlines? Texte ich täglich in meinem Onlinebusiness, auch meine Wörter des Tages gehören dazu. Und ich bin schon längst Creative Directrice – nicht erst seit Montag, als ich die Kündigungen losgeschickt habe. Sondern schon seit mindestens 2018, als ich mit meinem Onlinebusiness gestartet bin! Und zwar bin ich die Creative Directrice von Sympatexter.“
Als sich Anfang des neuen Jahrtausends mein Traum, Kreativ-Verantwortliche zu werden, in meinem Kopf festgesetzt hat, hätte niemand geahnt, dass er sich in Form eines Onlinebusiness realisiert. Die Dot-Com-Blase war gerade geplatzt, es gab noch keine gescheiten Smartphones und das Internet war noch ziemlich teuer. Meine Familie hatte eine E-Mail-Adresse bei der Telekom. Google war ein Startup (viele haben die Suchmaschinen Lycos und Altavista genutzt) und Social Media noch nicht erfunden. Noch nicht mal Myspace oder Flickr gab es da! In meinem Designstudium haben wir uns Photoshop 5.5 gerippt und unsere Kreationen noch teilweise auf Disketten gespeichert. Disketten! Heute sagt mir mein iPhone, dass ich eine Bildschirmzeit von 6:28 Stunden hatte – der Großteil davon entfällt auf Facebook. Ich habe pro Tag manchmal 5 oder mehr Zoom-Calls. Abends streame ich auf Netflix wahlweise „Star Trek Voyager“, „Anne with an E“ oder eine Zombie-Serie – je nach Stimmung. Meine Tochter schaut leidenschaftlich gerne Bastelvideos auf YouTube und freut sich schon auf den 10. Juli 2020 wenn auf Disney+ Frozen 2 erscheint. Diesen Juni habe ich mein 11. Jubiläum als Selbständige gefeiert. Und eines weiß ich ganz sicher: Ich werde niemals wieder Ang(stg)estellte sein.