Das „ich bin zu alt fürs Bloggen“-Argument kommt in verschiedenen Formen daher:

  • „Ich komme ja schon mit Facebook, Instagram & Co. nicht zurecht – da fange ich doch nicht mit dem Bloggen an!“
  • „Bloggen ist doch nur etwas für junge Influencer!“
  • „Das gehört sich in meinem Alter nicht, das ist nur was für Jungspunde.“
  • Und natürlich das Ich-bin-zu-alt-Argument, das mir am häufigsten begegnet: Die Technik: „Das kann ich nicht und werde das jetzt auch bestimmt nie mehr lernen!“

Die gute Nachricht: Das musst du auch nicht ;-)

Ich kann aus dem Stand auch keine WordPress-Installation aufsetzen (aber ich glaube, mit einer YouTube-Anleitung kriege ich das vielleicht hin). Und obwohl ich keine WordPress-Installation aufsetzen kann, blogge ich seit 2005 – mittlerweile über 15 Jahre! :-)

Ich habe das alles nicht alleine gemacht, ich habe mir Unterstützung geholt :-) Natürlich kann die Technik eine Hürde sein: Domain sichern, SSL-Zertifikat, Themes, Plugins, SEO, Analytics, DSGVO-Cookies, Updates – und natürlich der ganze Heckmeck mit der Installation bis alles bereitsteht, dass wir bloggen können. Das kann für Anfänger schon anstrengend werden. Aber: Oft gibt es jemandem im Freundes- oder Bekanntenkreis, der sich z. B. mit WordPress auskennt. Oder man holt sich eine Virtuelle Assistenz, die schnell und günstig eine erste Rohversion aufsetzt. Und wenn WordPress erst mal steht, sind die nächsten Schritte relativ einfach.

„Zu alt fürs Bloggen“ ist ein Mindfuck.

Ich persönlich glaube, dass das Alters-Argument ein Mindfuck par excellence ist. Es ist also ein negativer und uns limitierender Glaubenssatz, der sich aus dem kulturellen Verständnis von Alter und zahlreichen Vorurteilen speist:

  • Abenteuer und Kreativität sind nur etwas für junge Menschen.
  • Ältere Menschen leisten keinen Beitrag mehr zur Gesellschaft.
  • Der Höhepunkt des Lebens ist die Jugend und das junge Erwachsenenalter.
  • Sich ausprobieren und scheitern zu dürfen, ist ein Privileg der Jugend.
  • Ältere Menschen haben keine Ahnung von Technik und verlieren zwangsläufig irgendwann den Anschluss.
  • Sich öffentlich zu zeigen, ist was für junge Menschen. Senioren werden mit jedem Lebensjahr farbloser, unattraktiver und unsichtbarer.
  • Ältere Menschen leben im Gestern und lernen nichts Neues hinzu.
  • Ab einem gewissen Höhepunkt bauen wir nur noch ab.
  • Gelernt wird in der Kindheit, Schule und Ausbildung – danach nicht mehr.
  • Junge Menschen lernen einfacher als ältere.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr?

Wollen wir uns wirklich mit diesem Spruch gemütlich im Nichtstun einrichten? Resigniert die Schultern zucken und die Hände in den Schoß legen? Uns mit einem „Hach, hätte ich doch nur früher damit angefangen?“ aus der Verantwortung stehlen, unsere Stimme in die Welt hinauszutragen?

Wir sind der kulturellen Herablassung gegenüber dem Alter nicht hilflos ausgeliefert.

Als ich in den 90ern ein Teenager war, hieß es: Wir werden mit einer maximalen Anzahl an Gehirnzellen geboren und die nimmt kontinuierlich ab. Mit jedem Glas Alkohol: ZACK, 5000 Gehirnzellen für immer abgestorben! Kopfballtraining beim Fußball: 0,1 IQ-Punkte unwiderbringlich verloren. Intelligenz – ein Rückzugsgefecht unseres Gehirns bis zum letzten Atemzug.

Heute wissen wir: Das stimmt so nicht.

Wir wissen: Wir können unsere fluide Intelligenz, sowie unsere Kreativität und unseren Lern-Muskel trainieren und erhalten. Wir müssen dafür aber aktiv ins Machen kommen (das ist ja sowieso die beste Kreativitätsübung, überhaupt!) :-) Das vielleicht Beste, das wir für unser Gehirn tun können: Lernen – ein Leben lang. Wie zum Beispiel das Bloggen. Wir können es lernen und trainieren. Und wenn du noch nicht tippen kannst: Es gibt gute Spracherkennung ;-) Bloggen hat keine natürliche Altersgrenze – außer, wir setzen sie uns selbst.

Natürlich gibt es auch gute Gründe, um nicht (mehr) zu bloggen: Krankheit, Gebrechlichkeit, starke körperliche Einschränkungen, Schmerzen oder wenn das Gehirn nicht mehr mitmacht. Aber das Alter an sich ist kein gutes Argument.

Wer jenseits der Jugendjahre anfängt zu bloggen, tut nicht nur etwas für sich selbst, sondern auch für die positive Veränderung der Wahrnehmung des Alters in unserer Gesellschaft. Bloggende Senioren werden öffentlich sichtbar, sie bereichern mit ihrer Lebenserfahrung die Diskussionen im Internet und bringen ganz neue Perspektiven ein, die jüngere Menschen oft noch gar nicht auf dem Radar haben. Und gerade ihre Lebenserfahrung könnte dazu beitragen, viele Diskussionen zu normalisieren. Denn in der Fake-News-Ära drohen Diskussionen noch schneller als zuvor, aus den Fugen zu geraten. Die abgeklärtere Sicht von lebenserfahrenen Menschen könnte hier ein Gegengewicht für diese gesellschaftlichen Unwuchten setzen.

Das Lernen wird in unserer Kultur vor allem mit Jugend, Schule und den Ausbildungsjahren assoziiert – aber zum Glück bröckelt diese Auffassung. Die Stichworte heißen u. a. lebenslanges Lernen und Persönlichkeitsentwicklung. Unser Bild von Senioren wandelt sich. Meine Eltern, die auf die 80 zugehen, wirken 20 Jahre jünger und nehmen sich regelmäßig neue Abenteuer und Projekte vor: Hausbau, Sprachen lernen, Reisen, Umzug, den Garten umbauen, neue berufliche Herausforderungen, Handstand und so weiter.

Und wer weiß, vielleicht fangen sie eines Tages auch mit dem Bloggen an :-)