Kann es sein, dass unserer Kultur einen besonderen Archetypen feiert? Nämlich den extrovertierten, dominanten, entscheidungsfreudigen Tschakka-Typen? Okay, nichts gegen Tschakka, da bin ich voll dabei! Bei den anderen Charaktereigenschaften aber eher nicht so :-D Und damit bin ich auch schon bei einem der größten Themen meiner Kindheit und Jugend: Dass ich mit meiner introvertierten, zurückhaltenden und wankelmütigen Art oft das Gefühl hatte, nicht reinzupassen. Während andere schon gefühlt in der Grundschule wussten, was sie mal werden wollten wenn sie groß sind, war ich bis zum Abitur ein laufendes und ständig grübelndes Fragezeichen. Während andere ihren ersten (und zweiten und dritten) Freund hatten, habe ich schon immer sehr fasziniert aber irgendwie auch ratlos auf dieses Datingphänomen geschaut. Während andere am Wochenende Party gemacht haben, habe ich mich am Wochenende vor allem auf die Star Trek Folgen auf Sat.1 gefreut (Data, Spock und Seven of Nine sind meine Spirit Animals). Warum nur fiel es mir immer so wahnsinnig schwer, mich für etwas zu entscheiden? Ganz egal, ob es um Leistungskurse, mein Studienfach oder das Thema meiner Diplomarbeit ging: Entscheidungen zu treffen, war nicht meine Gern… äh Kernkompetenz. Ständig hieß es in meinem Leben: „Judith, entscheide dich doch endlich mal!“ Und dass ich von Thema zu Thema gehüpft bin und mich immer nur gerade so in ein Thema eingearbeitet habe, bis es mich gelangweilt hat, hat da nicht gerade geholfen :-D

Ich bekam also den Stempel „sprunghaft“ verpasst und dachte jahrelang, ich müsste nur lernen, an einem Thema dranzubleiben und mich für etwas zu entscheiden, dann wird alles gut! Heute weiß ich: Meine vermeintlichen Schwächen sind meine Superkräfte. Herausgefunden habe ich das leider relativ spät, jenseits meines 30. Geburtstags. Denn da habe ich herausgefunden, dass ich z. B. eine Scanner-Persönlichkeit bin und dass das total in Ordnung ist.

Und: Ich habe einen Persönlichkeitstest gemacht. Eigentlich halte ich von solchen Tests nicht viel, weil ich immer schon der Ansicht war, dass wir viel mehr sind als ein Chart, Prozentzahlen oder irgendwelche zufälligen Daten wie unser Geburtsdatum. Und weil ich, was Charaktereigenschaften angeht, ein Formwandler bin.

Denn je nach Tagesform bin ich das hier:

Oder das hier:

Also, was bin ich denn jetzt wirklich?

„Ich bin von allem ein bisschen, nichts richtig und manchmal auch das Gegenteil.“ Das war mal Spruch, den ich in digitalen Urzeiten auf meinem Kwick-Profil stehen hatte (kennt noch jemand Kwick?). Aber nun gut, zurück zum Thema: Ich habe also vor einigen Jahren den Myers-Briggs-Persönlichkeitstest gemacht und heraus kam: Immer irgendwas mit E oder I am Anfang und mit J oder P am Ende. Aber im Grund schwanken alle meine Ergebnisse um diese 4 Buchstaben: INTP. Das ist über die Jahre mein stabilstes Ergebnis, das NT in der Mitte hat sich nie verändert und der Rest drumherum schwankt ab und zu. Mit diesem NT in der Mitte gehöre ich laut dem Myers-Briggs-Typenindikator zu den Analysten. Was ich auch ohne Test sofort gewusst hätte :-D Analysten sind rationale und kreative Strategen. Thinking inside und outside the Box? Ich mache nichts lieber als das!

Das Ergebnis, das ich in den letzten Jahren am häufigsten erhalten habe, ist also INTP – auch „der Logiker“ genannt. INTP steht für: Introvertiert, iNtuitiv, denkend (Thinking) und wahrnehmend (Perceiving) – und das Ganze auch noch in der Ausprägung „turbulent“. Oha, das klingt ja aufregend! Stimmt das wirklich und wenn ja, was bedeutet für mich und mein Business?

Introvertiert: My Blog is my Castle!

„Du? Introvertiert? Niemals!“ Das höre ich regelmäßig, weil einige Menschen sich nicht vorstellen können, dass eine Person, die so oft Live-Videos und Insta-Stories macht und so viel bloggt wie ich, doch überhaupt nicht introvertiert sein könne. Und hier gibt es ein riesiges Missverständnis, dem viele auf den Leim gehen (ich früher übrigens auch): Sie denken, introvertierte Menschen seien schüchtern. Das stimmt aber nicht. Introvertiert bedeutet, dass ich mich sehr wohl auf einer Bühne oder im Rampenlicht wohlfühle, ich danach aber viel Zeit alleine brauche, um wieder aufzuladen. Ich sage dazu immer: Ich muss meine eigenen Gedanken hören, um mich entspannen zu können. Und das geht halt nur alleine. Oder vielleicht noch mit einer Katze, die sich entspannt auf meine Beine legt, während ich ein Buch lese oder blogge.

Dass ich introvertiert bin, ist auch eine gute Erklärung dafür, dass ich früher als Freelancerin nach einem Tag in einer Agentur so unglaublich müde und ausgelaugt war. Denn: In den Agenturen hatte ich oft mit vielen Leuten zu tun. Meetings mit 6 oder mehr Leuten waren an der Tagesordnung. Meetings, Brainstormings, Schulterblicke usw. habe ich souverän gerockt, aber danach habe ich mindestens einen Tag Me-Time gebraucht. Dass ich oft ausgebucht war, war also ein zweifelhaftes Vergnügen für mich 😄

Ein skalierbares Online-Business ist tatsächlich das perfekte Geschäftsmodell für mich als introvertierte Persönlichkeit, weil ich meine Termine und meine direkte Interaktion mit Menschen auf ein Minimum reduzieren kann und ich dann die Zeit habe, fokussiert zu arbeiten und mich in ein Thema zu vertiefen (= Deep Work). Denn das ist es, was mir am meisten Spaß macht: Mich in ein Thema reinzugraben und möglichst gute und kreative Lösungen zu finden.

Und auch ein Blog ist perfekt für introvertierte Menschen: Mit unserem Blog können wir asynchron kommunizieren, was gerade introvertierten Menschen sehr entgegen kommt. Das Gegenteil, die synchrone Kommunikation, stresst mich immens: Zum Beispiel hasse ich es geradezu, angerufen zu werden (= synchrone Kommunikation) und auch 1:1-Coachings ermüden mich schnell. Mein Blog ist da die ideale Spielwiese, um mein Wissen und meine Meinung in die Welt hinauszutragen und tausende Menschen zu erreichen, ohne dass ich gleich persönlich mit jedem einzelnen von ihnen in die direkte Interaktion gehen muss.

Intuitiv: Hätte, hätte, Fahrradkette

Während andere an einem Plan B arbeiten, habe ich schon längst einen Plan C, D und E griffbereit :-D In meinem Kopf verästeln sich die Möglichkeiten zu einem imposanten Baum der tausend Möglichkeiten. Wenn ich dieses Kopfkino nicht zügeln kann, werde ich zur Weltmeisterin im Ausdenken von Katastrophenszenarien. Egal, wie unwahrscheinlich eine Sache (bzw. ein mögliches Scheitern) ist, ich spiele sie im Kopf durch – und zwar sehr detailliert 😄 Wenn ich meinen Gehirnfasching jedoch unter Kontrolle habe, ist dieses Verästeln und Betrachten aller Möglichkeiten die beste Quelle meiner Kreativität. Die Frage „Was wäre, wenn…?“ und „Muss das so sein?“ sind meine täglichen Begleiter. Meine eigenen Antworten auf diese Fragen produzieren ungefähr 90 % Schrott-Ideen, 7 % ganz okayene Ideen und 3 % Ideen-Diamanten 😄

Mit diesem Ideen-Überfluss und der großen Menge an Schrott-Ideen komme ich dann auch auf die aberwitzigsten Ideen und Kampagnen, ob für congstar, Ferrero oder für mich selbst (die Händständgäng in 2020 war legendär, ebenso wie die Boom Boom Blog Challenge im Frühling 2021). Sehr praktisch: Ich kann eine große Marketingkampagne oder meine Launches wunderbar rückwärts planen: ich muss einfach meinem gedanklichen Baum der tausend Möglichkeiten von den Ästen bis zum Stamm folgen. Zumindest in der Theorie funktioniert das super, nämlich dann, wenn ich mich für ein Ziel oder für eine Idee entscheiden kann. Und gerade das fällt mir manchmal schwer. Und: Obwohl ich super planen kann, kriege ich massive Bauchschmerzen, wenn ich eine Detailplanung machen muss. Ich weiß noch, wie sich mir als Freelancerin immer alles im Magen zusammengeknotet hat, wenn es hieß, dass ich ein Feinkonzept erstellen solle. Auch deshalb habe ich mich in meiner Selbständigkeit zur strategischen Konzepterin entwickelt, die bekannt für ihre kreativen Grobkonzepte war: Das Feinkonzept durften dann andere übernehmen und ich konnte mit einem großen, inneren „Puh!“ der Erleichterung mein Grobkonzept zur Realisierung abgeben.

Was ich als intuitive Persönlichkeit auch sehr gut kann: in einem Meeting abdriften und mich von meinem Was-wäre-wenn-Gedankenstrom treiben lassen. Auch deshalb ist für mich klar: Ich muss meine Meetings auf ein absolutes Minimum reduzieren :-D

Denkend: Gib mir ein Problem, das ich lösen kann – bitte!!

Ich weiß, was ich nicht weiß und bei mir gewinnt das beste Argument. Auf einem Problem herumzudenken und eine Lösung zu finden, macht mich glücklich. Dabei bediene ich mich meines kreativen Autopiloten: Ich lasse ein Problem (oder gerne auch mehrere) in meinem Hinterkopf kreisen, bis ich (vermeintlich) plötzlich aus heiterem Himmel einen Geistesblitz habe. Das Gute ist: Ich weiß aus Erfahrung, dass ich immer eine gute Lösung finde. Das gibt mir heute in meinem Onlinebusiness das gute Gefühl, dass alles gut wird, auch wenn ich jetzt diese Lösung noch nicht habe. Ich weiß: sie wird kommen, wahrscheinlich während ich gerade dusche, über die Autobahn düse oder die Wäsche aufhänge 😂

Oh Gott, wie ich es liebe, komplexe Theorien zu ergründen und Business-Frameworks zu entwickeln. Ein Beispiel dafür ist z. B. meine Vorgehensweise zur Entwicklung eines Claims oder meine komplexen Trello-Boards für allerlei Themen im Onlinebusiness wie z. B. unseren Jahres-Blog-Redaktions-Plan in The Content Society oder das Board für die Erstellung von Landingpages (alles vom Freebie über die Landingpage für deine Challenge bis hin zur Salespage für deinen Onlinekurs). Denn es gibt nämlich nicht DIE EINE Landingpage weil es nicht DAS EINE Angebot gibt. Es gibt sehr viele verschiedene Arten von Angeboten, die wir als Coaches, Beraterinnen und Selbständige machen – und diese Angebote brauchen verschiedene Arten von Landingpages. Als mir das klar wurde, wusste ich: Ich muss eine Lösung finden. Gesagt, getan. Jetzt haben wir in The Content Society ein Trello-Board mit Vorlagen und Beispielen für 12 verschiedene Arten von Landingpages. Es ist komplex und zugleich sehr einfach – eine Lösung ganz nach meinem Geschmack 😄 Wissen zu sammeln und es zu strukturieren, Lösungen zu suchen, experimentieren, Konzepte zu entwickeln, Dinge zu ergründen und darüber zu schreiben: das könnte ich den ganzen Tag lang machen. In einem anderen Leben hätte ich Physik studiert und hätte irgendwas mit Weltraum gemacht.

Der süße Aha-Moment der Erkenntnis und wenn die Idee im Kopf aufploppt. Hach… ♥ Dafür denke ich auch gerne drei mal im Kreis und fünfmal um die Ecke, ganz nach dem Motto: Kein Gedanke ist umsonst. Dabei bin ich immer auf der Suche nach der besten Idee und bin auch bereit, Ideen, die „nur“ gut sind, einzustampfen. Wie im Dezember 2020, als ich die Sympatexter Academy beendet habe, damit etwas Besseres, nämlich The Content Society, entstehen konnte. Kill your Darlings: Für eine gute Idee bin ich bereit, sehr weit zu gehen. Und selbst wenn ich eine großartige Idee habe, frage ich mich regelmäßig: Kann ich sie nicht noch besser machen? Auch hier gilt: Die Zügelung meines Gehirnfaschings ist das oberste Gebot, damit ich meine eigenen Ideen nicht zergrüble und bloß nicht in tiefen Selbstzweifeln oder im Imposter Syndrom versinke (hier übrigens meine 7 Tipps gegen das Imposter Syndrom und mein Blogartikel zum Thema 7 Vorteile des Imposter Syndroms). Das sind die Nebenwirkungen meiner Brainphorie. Naja, es ist nicht immer einfach aber ich arbeite dran 😅

Wahrnehmend: Die Qual der Wahl

Im Myers-Briggs-Typenindikator ist die wahrnehmende Persönlichkeit bzw. „perceiving“ das Gegenteil von „judging“, also von der beurteilenden Persönlichkeit. Ach, wie habe ich früher immer alle bewundert, die sich ruckzuck für etwas entscheiden konnten und das dann knallhart durchgezogen haben. Ich habe mich da immer schwer getan und habe mich oft in letzter Sekunde umentschieden. Heute weiß ich, dass mein Wankelmut eine sehr positive Eigenschaft sein kann. Denn: Mein Wankelmut bedeutet, dass ich alle Informationen bis zur letzten Sekunde aufsauge und meine Entscheidungen immer sehr spät auf Grundlage neuester Informationen treffe. Und wenn ich mich nicht klar entscheiden kann, das dann einfach daran liegt, dass die Argumente für keine Seite ausreichend gut sind, um ein klares JA zu sagen. Also begebe ich mich auf die Suche nach weiteren Argumenten – und das stellt meine Entscheidungen auf viel stabilere Beine.

Zudem: Der vielleicht größte Vorteil des schwankenden Charakters, der sich in letzter Sekunde gerne umentscheidet, ist, dass er nicht verbissen an schlechten Strategien festhält. Eine Idee, ein Plan oder eine Strategie funktioniert nicht? Ich habe keine Probleme damit, die Reißleine zu ziehen und in Nullkommanix einen neuen Weg einzuschlagen. Und das ist vielleicht mein Erfolgsfaktor Nr. 1 in meinem Onlinebusiness: Wenn ich in meiner Entscheidung schwanke, weiß ich schon aus Erfahrung, dass der eingeschlagene Weg wahrscheinlich nicht der Richtige ist. Und dann suche ich nach einer besseren Alternative, halte mir bis zuletzt viele Optionen offen, wäge genau ab und wähle dann die erfolgversprechendste. Ich schwanke und wanke mich meiner Lösung entgegen und baue mir so aus vielen Mikroentscheidungen einen vor Kreativität sprühenden Launch zusammen.

Apropos Launch: Gerade in solchen intensiven Zeiten wie während eines Launches können sich die Dinge innerhalb kürzester Zeit verändern: die Werbeanzeigen funktionieren nicht? Die Landingpage konvertiert nicht? Der letzte Newsletter hatte nicht die erhoffte Klickrate? Kein Problem, ich ändere das mal schnell. Dieser Kreislauf aus dem ständigen Warten auf frische Informationen und dem schwankenden Abwägen, dem Fallenlassen einer früheren Strategie und dem Reagieren auf neue Gegebenheiten in zig Iterationsstufen (ich überarbeite jede einzelne meiner Landingpages ungefähr 500 mal und das ist kein Scherz 😄): Wo andere schon längst die Geduld verloren hätten, laufe ich erst zur Mikro-Optimierungs-Hochform auf. Ein Hoch auf den Wankelmut, der sich zu einer super Lösung schwankt! Damit der Wankelmut nicht Überhand nimmt, habe ich zum Glück Laszlo an meiner Seite: Mein Projektmanager, Berater und Ehemann, der als ESTJ („Executive“) ein stark ausgeprägtes J hat und damit die perfekte Ergänzung zu meinem schwankenden Logiker-P ist.

Von Schwächen, die keine sind: Bin ich wirklich ein INTP oder tue ich nur so?

Vielleicht gehört es auch zu meinem Charakter, Persönlichkeitstests argwöhnisch zu betrachten. Den Myers-Briggs-Typenindikator finde ich jedoch ganz gut, weil er ganz klar sagt, dass wir uns immer auf einer Skala bewegen: Ob z. B. extrovertiert oder introvertiert: Wir sind immer eine Mischung und nie ein Extrem. Wo wir auf dieser Skala stehen, ist auch immer eine Frage der Tagesform und unserer Umgebung.

Und: Das Ergebnis ist nicht in Stein gemeißelt. Ich z. B. merke, wie ich durch mein Online-Business immer mehr von einer wahrnehmenden Persönlichkeit zu einer beurteilenden Persönlichkeit werde (das P hinten im INTP schwankt daher immer wieder ins J). Und zwar schon alleine deshalb, weil mein Online-Business das perfekte Bootcamp für Entscheidungen ist 😄 Ich treffe jeden Tag zig große und kleine Entscheidungen, ich werde selbstbewusster im Entscheiden und das formt meine Persönlichkeit. Als jemand, der immer nach dem Besseren, nach dem Optimum strebt, ist es mir wichtig, dass nichts in Stein gemeißelt ist: Kein Wissen, keine Persönlichkeit und kein Schicksal.

Daher: Ich ein INTP – vorerst. Und das ist auch gut so.