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Ich werde nie diese eine Grillfeier in unserem Garten vergessen: Es war ein August-Wochenende, Mitte oder Ende der 90er Jahre, meine Mutter hat ihren Geburtstag gefeiert. Zu dieser Feier hat sie sowohl ihre Familie als auch ihre Kollegen aus der Klinik eingeladen. Ein junger Mann, den ich nicht kannte (ich wusste also, das ist wahrscheinlich ein Assistenzarzt) hat mich freundlich gefragt, wer ich sei. Ich habe gesagt: „Ich bin Judith, die Tochter“. Und er, an meine Mutter gerichtet, halb scherzhaft, halb überrascht: „Doktor Böhm, ich wusste gar nicht, dass Sie Kinder haben!“

Sie hat sogar drei davon :-)

Es ist nicht so, dass sie das jemals geheim gehalten hätte. Spätestens, als die Ärzte und Kollegen bei uns zuhause anriefen und meine Mutter, die Oberärztin, sprechen wollten, hat sich oft eine junge Stimme gemeldet: Meine Brüder oder ich. Es war die Zeit vor flächendeckendem Internet und vor Handys, wir hatten lange Zeit lang nur ein einziges Festnetztelefon in der Wohnung. Das beige Gerät hing im Flur an der Wand.

Meine Theorie heute: Was man nicht sieht, sinkt nicht so ins Bewusstsein. Auch mir ging das so: Als ich noch für Agenturen als Freelancer gearbeitet habe, wusste ich theoretisch, dass der Geschäftsführer der Agentur am Stuttgarter Olgaeck Kinder hat. Und dennoch war ich überrascht, als ich bei einer Agenturfeier seine Kids dann gesehen habe: ach stimmt, er ist ja Vater! Plötzlich habe ich ihn mit ganz anderen Augen gesehen!

Ich persönlich wünschte mir, dass dieser Aha-Moment nicht so zufällig und nicht so spät stattfinden würde. Ich wünschte mir, dass Kinder in unserem Alltag so selbstverständlich wären, wie sie es sein sollten. Es ist das Normalste auf der Welt, Kinder zu haben. Aber gerade im Digitalen werden Kinder oft versteckt – mit dem Argument, sie zu schützen. Mit ihrem Verstecken wird allerdings auch das Elternsein, v. a. das Muttersein versteckt. Und das finde ich problematisch.

Warum ich meine Kinder im Digitalen zeige: eine lange, persönliche Reise.

Meinen ersten Blogartikel habe ich am 1. August 2005 veröffentlicht. Ich war ein echter Powerblogger. Lange bevor es Instagram gab, habe ich quasi Instagram-Stories vorweggenommen ;-) Alltags-Bloggen, persönliche Themen, Wortspiele, Expertenthemen, Kino-Rezensionen – in meinem Blog gab es das alles! Als ich mich 2009 selbständig gemacht habe, habe ich ein zweites Blog angefangen, rund um meine Selbständigkeit.

Ende 2011 wurde ich Mutter. Und schlagartig habe ich mit dem Bloggen aufgehört. Ich hatte schon irgendwie den Impuls, über meine Schwanger- und Mutterschaft zu bloggen, aber irgendwas in mir sagte mir: Das darfst du nicht! Das ist gefährlich! Das verletzt das Persönlichkeitsrecht deines Kindes!

Dabei hätte es so viele Themen in meinem Leben damals gegeben: Von meiner ersten problematischen Schwangerschaft, die nicht die letzte sein sollte bis hin zur windelfreien Erziehung. Ich habe meine Kinder keinen einzigen Meter im Kinderwagen geschoben, sondern ständig in der Manduca durch die Welt getragen. Selbständigkeit als Mutter, der Kindergeld-Wahnsinn, die extrem schwierige Kindergartensuche – ach, was für eine Fülle an Themen! Ein Thema ist mir noch in besonders lebhafter Erinnerung: Dadurch, dass ich plötzlich tagsüber nicht mehr so viel gearbeitet habe, sondern mit meiner Tochter unterwegs war, habe ich gesehen, dass die Welt eben doch voller Kinder ist – und voller Mütter! Die Mütter, die ich in den Agenturen vermisst habe, waren alle auf dem Spielplatz! Eine ganz schön bittere Erkenntnis.

Rückblickend finde ich es extrem schade, dass ich darüber nicht geschrieben habe. Aber die Befürchtung, da mein Kind „reinzuziehen“ und damit irgendwie in Gefahr zu bringen, hat mich abgehalten. Heute glaube ich, dass das vielleicht eine sehr deutsche Sichtweise sein könnte, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall finde ich diese Sichtweise heute total übertrieben. Denn, ganz ehrlich, von welcher Gefahr sprechen wir eigentlich – wenn wir davon ausgehen, dass die Eltern natürlich keine intimen und peinlichen Bilder ihrer Kinder teilen?

Heute zeige ich meine Kinder immer wieder: Auf Instagram, bei Facebook und in meinem Blog. Bevor ich ein Bild von ihnen poste, halte ich jedesmal inne und frage mich, ob das Bild in Ordnung ist. Mittlerweile frage ich meine Tochter, bevor ich ein Bild von ihr veröffentliche.

Die Gründe, die eigenen Kinder nicht im Internet zu zeigen: Allen voran das Persönlichkeitsrecht.

Kinder haben selbstverständlich auch Rechte. Es gibt u. a. das Persönlichkeitsrecht und hier gilt besonders das Recht am eigenen Bild. Fotos dürfen nur mit Einwilligung der abgebildeten Person öffentlich zur Schau gestellt werden. Was bei einem Baby oder Kleinkind natürlich schwierig ist. Dann sind die Eltern als Erziehungsberechtigte gefragt.

Ich habe zum Thema „Fotos der eigenen Kinder in Social Media posten – ja oder nein?“ mal einen ganz guten Hinweis gelesen: Wir Eltern sollten uns bei jedem Bild, das wir von unseren Kindern posten, fragen, ob wir es in Ordnung finden würden, wenn unser eigener Arbeitgeber uns so sehen würde. Also: keine peinlichen und intimen Bilder. Alles klar. Aber was mit Fotos, auf denen das Kind weint? Auf denen es seinen Joghurt „kreativ“ isst? Was ist mit Bildern aus dem Freibad – selbst wenn sie nicht freizügig sind? Die Grenze zwischen Bildern, die noch in Ordnung und die schon problematisch sind, ist sehr fließend.

Natürlich sind die Bilder, die wir posten, erst mal draußen in der digitalen Welt und können alle möglichen Routen nehmen. Es heißt ja immer: Das Internet vergisst nicht! Deshalb müssen wir als Eltern vorsichtig damit sein, was wir von unseren Kindern posten. Das Persönlichkeitsrecht des Kindes wird, so meine Wahrnehmung, allerdings oft als Totschlagargument benutzt, so nach dem Motto: Du darfst gar keine Bilder deines Kindes posten – das ist am sichersten! Und du willst doch dein Kind nicht in Gefahr bringen, oder?

Ja, hmm… welche Mutter will schon ihr Kind in Gefahr bringen…?

Keine Bilder zu zeigen, ist aber auch keine Lösung. Kinder sind Teil unseres Lebens und die mit Abstand größte Gefahr für ihre Sicherheit geht nicht von anonymen Leuten aus dem Internet aus, sondern aus ihrem engsten Umfeld.

Ein weiterer häufig genannter Grund, die Kinder nicht im Internet zu zeigen: Pädokriminalität.

Wenn es um das Thema „Kinderbilder im Internet zeigen?“ geht, kommt dieses Argument sehr schnell: Indem wir Bilder unserer Kinder öffentlich zeigen, locken wir damit angeblich Kriminelle an. Sie ziehen sich diese Bilder runter und verteilen sie. Stichworte: Darknet und Kinderpornografie. Das Argument, das ich immer wieder heraushöre, lautet: Du willst doch nicht, dass ein Perverser sich auf dein Kind einen runterholt, oder?

Die Sache ist allerdings die: „Perverse“ (alleine schon das Wort…) holen sich so ziemlich auf alles einen runter. Alles kann ein Fetisch sein: Kratzige Wollsocken, Nasen, Bäume und sogar Kuscheltiere (heißt Plushophilie)! Ich kann mich noch gut an die Geschichte einer Freundin erinnern: Sie hat auf Instagram Urlaubsbilder von sich selbst am Strand in Kroatien gepostet. Es war ganz harmlos, ein bisschen Sand, Himmel und ein Fuß. Schon waren die Fußfetischisten da und haben in den Kommentaren dutzendfach ihren Fuß gelobt.

Sollen wir deswegen nie wieder ein Bild posten, auf dem unser Fuß zu sehen ist?

Wenn Verstecken etwas bringen würde, gäbe es vielleicht keine Hijab-Pornos. Dann müssten Länder, in denen sich Frauen in der Öffentlichkeit komplett verhüllen müssen, die für Frauen sichersten Länder sein. Wir wissen, dass das nicht so ist. Die Sicherheit steigt dort, wo Menschen, Themen und Probleme sichtbar sind und wo darüber gesprochen wird.

Wenn wir uns danach richten, nur ja nichts mehr zu posten, was irgendwer da draußen für seine eigene Lust benutzen könnte, wäre das ein massiver Maulkorb. Wir dürften wahrscheinlich gar nichts mehr posten, denn schließlich kann fast alles ein Fetisch sein. Ich meine, hallo?? Kuscheltiere?? Würde nichts mehr zu posten unsere Welt sicherer machen? Ich glaube: nein.

Das Leben unserer Kinder ist digital – wir Eltern müssen uns damit beschäftigen.

Ich bin Jahrgang (ich nenne es Jahrgäng) 1980. Damit hatte ich noch eine analoge Kindheit aber schon ein digitales frühes Erwachsenenalter. Das Internet kam kurz vor der Jahrtausendwende in unsere Wohnung und ab da wurde mein Leben digital: Ich habe meine Studienplätze und Ausbildungsorte digital gefunden und auch meine ersten Partner. Meine Eltern hatten null Ahnung von dem, was ich dort gemacht habe, „in diesem Internet“.

Heute bin ich selbst Mutter und ich sehe dabei zu, wie meine Kinder ihre ersten Gehversuche im Digitalen mache. Ich bin an ihrer Seite und weiß, wie man die Kindersicherung beim Tablet einstellt. Okay, das ein oder andere Mal haben meine Kinder es geschafft, den SOS Notruf auf meinem Handy zu wählen – auch ich lerne dazu 🙈.

Vor einigen Jahren habe ich uns „Digitale Familie“ genannt. Handy und Laptop sind unsere Werkzeuge, WLAN brauchen wir wie die Luft zum Atmen und wir sind „always online“. Wir haben ein Online-Business und zugleich ein Familien-Business. Die Grenzen zwischen Arbeit und Leben verwischen bei uns immer mehr. Meine Kinder wachsen alleine dadurch digital auf, weil sie Laszlo und mich ständig als Digital-Arbeitende wahrnehmen.

Meine Tochter, sie ist fast 9, spielt manchmal, dass sie Live-Videos dreht (so wie ich das oft mache). Sie zieht sich dann meine Brille an und redet klug daher :-D Manchmal klaut sie mir mein Handy und macht dann ein Selfie-Video, in dem sie von ihrem Tag berichtet. Und ich muss sagen: Sie macht das richtig gut! Noch habe ich kein Video von ihr gepostet, aber ich habe so das Gefühl, dass sie das selbst machen wird, sobald sie ein Handy bekommt. Über das Alter, wann das sein soll, sind wir noch nicht ganz einer Meinung… ;-)

Wir Eltern machen nicht alles gleich beim ersten Versuch richtig. Auch das Thema „Kinderbilder im Internet“ ist ein ständiges Dazulernen.

Irgendwann in 2012 oder 2013 hat uns ein befreundetes Paar besucht. Sie hatten eine kleine Tochter, im gleichen Alter wie unsere Tochter. Wir haben die beiden Kids nach dem Spielen auf der Jugendfarm in die Badewanne gepackt. Später habe ich auf Facebook gesehen, dass die Mutter ein Bade-Bild unserer Kinder gepostet hat. Nichts wirklich freizügiges aber dennoch: Ein Bade-Bild. Mir war das extrem unangenehm und ich habe sie gebeten, das Bild zu löschen. Sie kam meiner Bitte sofort nach und hat eingesehen, dass das vielleicht kein geeigneter Facebook-Content ist. Heute ist sie Expertin für Internetsicherheit für Kinder.

Wenn ich mir meine eigenen Instagram-Bilder von vor einigen Jahren anschaue: Einige Bilder würde ich so heute auch nicht mehr posten. Soll ich sie deshalb löschen? Ich überlege immer noch und bin unentschlossen. Was ich von meinen Kindern zeige, ist ein ständiges Austarieren und Abwägen, ein ständiges Oszillieren zwischen den verschiedenen Möglichkeiten des Kinder-Zeigens.

Die verschiedenen Stufen des Kinder-Zeigens im Internet.

Was heißt das denn überhaupt, „die Kinder im Internet zeigen“? Ich beobachte verschiedene Intensitätsgrade, mit denen Kinder im Internet gezeigt werden. Der Übergang zwischen den einzelnen Stufen ist oft fließend und viele Eltern durchlaufen mit der Zeit mehrere dieser Stufen. Diese verschiedenen Stufen beziehen sich auf öffentlich zugängliche Inhalte wie z. B. das eigene Blog, die Facebook-Seite oder den Instagram-Account. Es gibt auch Zwischenstufen wenn z. B. Eltern ihre Kinder erst ab einem gewissen Alter zeigen (z. B. ab dem Teenageralter). Stufe 4 und 5 beobachte ich in meinem Umfeld am häufigsten. Zudem sehe ich einen Trend hin zum Zeigen von Kindern – auch bei Eltern, die das früher rigoros abgelehnt haben. Ich bin das beste Beispiel dafür.

  • Stufe 0: Kinder werden weder gezeigt noch erwähnt
  • Stufe 1: Kinder werden in Texten erwähnt aber nicht gezeigt. Oft werden die Kindernamen anonymisiert. Sie werden dann z. B. K1 (Kind 1) und K2 (Kind 2) genannt oder bekommen Spitznamen. Manchmal werden Kinder-Utensilien wie z. B. Spielzeug oder Baby-Klamotten gezeigt. Beispiel: Christine Finke von mama-arbeitet.de
  • Stufe 2: Die Kinder werden gezeigt, allerdings selten und das Gesicht ist nicht zu erkennen. Dabei werden die Kinder z. B. von hinten fotografiert, das Bild wird am Kopf abgeschnitten oder das Gesicht wird mit einem Emoji unkenntlich gemacht.
  • Stufe 3: Wie Stufe 2 – in vergänglichen bzw. geschlossenen Medien wie Instagram Stories oder z. B. in der WhatsApp-Gruppe der Familie werden die Kinder jedoch mit ihrem Gesicht gezeigt. Beispiel: Marie aka Kleinliebchen auf Instagram.
  • Stufe 4: Die Kinder werden in bleibenden Postings (z. B. im Instagram-Grid) manchmal mit ihrem Gesicht gezeigt.
  • Stufe 5: Die Kinder werden in bleibenden Postings regelmäßig mit ihrem erkennbaren Gesicht gezeigt. Beispiel: Mein eigener Instagram-Account.
  • Stufe 6: Die Kinder werden in bleibenden Postings regelmäßig mit ihrem erkennbaren Gesicht gezeigt – und auch der Klarname der Kinder ist bekannt. Wie z. B. bei Jasmine Star und Chrissy Teigen.
  • Stufe 7: Wie Stufe 6 – und die Kinder sind auch Teil der Marketing-Strategie und es wird mit ihnen Geld verdient. Beispiel: Vlad und Nikita.

Apropos Chrissy Teigen.

 

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We are shocked and in the kind of deep pain you only hear about, the kind of pain we’ve never felt before. We were never able to stop the bleeding and give our baby the fluids he needed, despite bags and bags of blood transfusions. It just wasn’t enough. . . We never decide on our babies’ names until the last possible moment after they’re born, just before we leave the hospital. But we, for some reason, had started to call this little guy in my belly Jack. So he will always be Jack to us. Jack worked so hard to be a part of our little family, and he will be, forever. . . To our Jack – I’m so sorry that the first few moments of your life were met with so many complications, that we couldn’t give you the home you needed to survive. We will always love you. . . Thank you to everyone who has been sending us positive energy, thoughts and prayers. We feel all of your love and truly appreciate you. . . We are so grateful for the life we have, for our wonderful babies Luna and Miles, for all the amazing things we’ve been able to experience. But everyday can’t be full of sunshine. On this darkest of days, we will grieve, we will cry our eyes out. But we will hug and love each other harder and get through it.

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Ende September 2020 hat Chrissy Teigen ihren Sohn Jack tot geboren. Sie hat darüber auf Instagram berichtet. Als ich das Posting gesehen habe, habe ich geweint. Ich habe das große Glück, dass ich aus 3 Schwangerschaften 3 Kinder bekommen habe. In meinem Umfeld hat aber fast jede Mutter ein Kind verloren. Das ist etwas, das oft nur sehr verschämt und unter der Hand erzählt wird. Ein großes Tabu liegt darüber und macht so vieles im Leben so unglaublich schwer. Es gilt die Devise, so ist meine Wahrnehmung: Die Frauen (und ihre Partner) sollen mit ihrem Schmerz selber fertig werden und die Allgemeinheit nicht mit so einem unangenehmen Thema belasten.

Ich danke Chrissy Teigen dafür, dass sie über ihren schweren Verlust so offen gesprochen hat. Dass sie und ihr Mann das Tuch des Schweigens von diesem Tabu gelüftet haben. Selbst der Spiegel schrieb darüber: „Sie schaffen Bilder für ein Leid, das noch immer tabuisiert ist.

Ich glaube, wir müssen über solche Themen noch viel mehr sprechen. Und ich glaube, dass zum Darübersprechen auch Bilder gehören.

Ist die Maxime, Kinder am besten gar nicht zu zeigen, womöglich eine Silencing-Strategie?

Es sind gerade die Mütter, die in den meisten Fällen die wichtigste Bezugsperson der Kinder sind. Die meisten Alleinerziehenden sind Frauen. Gerade bei einem Neugeborenen dreht sich im Leben der Mutter fast alles um das Kind. Für viele Mütter ist das nicht nur eine Zeit des Glücks, sondern oft eine harte Zeit, in der sich viele selbst verlieren und in eine Depression abgleiten. Mit dem angeblichen Gebot, die Kinder nicht öffentlich zu zeigen, geht oft auch einher, dass viele Menschen am liebsten auch nichts über diese unangenehmen „Frauen-Themen“ wissen möchten. Nicht umsonst sind unglückliche Mütter ein riesengroßes Tabuthema in unserer Gesellschaft.

Bewusst oder unbewusst wird oft die Zeig-deine-Kinder-nicht-im-Internet-Keule geschwungen. Damit werden Mütter in eine Passivhaltung gezwängt: Sie sind zwar Mütter, sollen aber ihre Kinder nicht auf Instagram & Co. zeigen – sie sind quasi digital verwaist. Und selbst wenn sie dann über Kinderthemen reden, fällt mir oft auf: Ohne Bilder ist der Text oft nur halb so stark. Bilder haben eine große Kraft. Ein Text mit Bild hat viel mehr Wucht als ein Text ohne Bild. Das Argument, Kinder zu ihrem eigenen Schutz nicht zu zeigen, ist ein Rausdrängen von Frauen aus der sichtbaren Sphäre. Für mich persönlich fühlt sich das schon wieder an wie damals: Als die Frauen mit ihrem ersten Kind in Werbeagenturen plötzlich unsichtbar wurden und auf die Spielplätze verschwanden. Raus aus der Wahrnehmung der erwerbstätigen Bevölkerung, raus aus der Wahrnehmung der Männer.

Silencing bezeichnet Strategien, Menschen mundtot zu machen. Allen voran Menschen, die auf unangenehme Tatsachen aufmerksam machen. Im Internet sind Frauen ohnehin oft Gewalt ausgesetzt, sobald sie sich zu Themen außerhalb der patriarchalischen Komfortzone äußern. Und spätestens, sobald eine Frau Mutter wird, erwacht oft eine feministische Ader. Wenn frau feststellt, dass sie wegen ihres Kindes aus ihrer Festanstellung rausgekegelt wird (habe ich bei meinen Freundinnen mehrfach erlebt) und gegen andere Mütter ausgespielt wird (man muss nur mal die demütigende Platzsuche in privaten Kitas erleben). Als Mutter ist frau plötzlich in einer ganz neuen Situation und, so kommt es mir oft vor, der Gnade der Gesellschaft ausgeliefert. Eine breite Palette an Ungerechtigkeiten wird ihr serviert und sobald sie darauf hinweist, wird sie von Anti-Feministen, diversen Männer-Gruppen, Konservativen und sogar Frauen, die (noch) nicht Mütter sind, niedergeschrieen. In so einem Klima, das weiblichen Themen gegenüber so feindlich eingestellt ist, ist es natürlich leicht zu sagen: Zeige dein Kind nicht, denn dann bringst du es nur unnötig in Gefahr. Aber: Nicht das Zeigen der Kinder ist der Auslöser für diese Gefahr, sondern das Verhalten der Trolle und Aggressoren.

Familien- und Frauenthemen wurden lange als unwichtig abgetan. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hat 1998 zum Thema Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend nur gesagt: „Familie und das ganze Gedöns“.

Das Napalm-Mädchen. Das Bild des ertrunkenen Alan Kurdi. Die Stillgeburt von Chrissy Teigen. Es sind Bilder, die (traurige) Geschichte schreiben. Es ist das Bild, das die Menschen im Herzen trifft und sie zu einem Umdenken bewegt. Es ist das Bild einer stillenden Mutter, das Debatten auslöst. Und es ist die Häufigkeit dieses Bildes, das diese Debatten auflöst.

Das Private ist politisch: Mütter und Kinder – raus aus der „Gedöns“-Ecke!

Mutterschaft und Kinderalltag, stillende Mütter, sichtbare Kinder in allen Lebensbereichen – das alles muss endlich normal sein. Aber leider ist es ein ständiger Kampf gegen eine massiv wachsende Bedrohungskulisse. Man muss das Thema „Kinder im Internet zeigen?“ nur einmal googlen: Das erste, das man sieht, sind Gefahren, Risiken, Warnungen und Schauermärchen.

Kinderbilder sollen nicht frei im Internet verfügbar sein und Eltern sollen schon heute wissen, was ihre Kinder mittel- oder langfristig in unangenehme Situationen bringen könnte. Kinderbilder im Netz sind gar nicht cool und die Kommentare unter dem 4. Treffer („Warum wir unser Kind im Netz zeigen“ – ein sehr toller Blogartikel, dem ich voll zustimme!) sprechen Bände. Beim Thema „Kinderbilder im Internet“ wird eine krasse Drohkulisse aufgebaut.

Und es ist auch ein Kampf gegen Besserwisser, Moralapostel und eine Digital-Ängst, die immer noch zwischen dem digitalen und dem „echten“ Leben unterscheidet.

Das Leben von Menschen mit Eierstöcken ist durch ihre Fähigkeit, Kinder zu gebären, geprägt. Dadurch ergeben sich allerlei Themen, die viele Menschen (meistens Männer) gerne ignorieren würden: Menstruation, Fehl-, Früh- und Totgeburten, Wochenbettdepression, Abtreibung sowie Verhütung und jeweils der schwierige Zugang dazu, die gesundheitlichen Risiken der Pille, Schwangerschaft nach Vergewaltigung, Gewalt in der Geburtshilfe, unglückliche und depressive Mutterschaft, finanzielle Abhängigkeit nach der Geburt der Kinder, gewollte Kinderlosigkeit, Menopause, Altersarmut uuund so weiter. Wir können noch so viele offene Briefe, Zeitungsartikel, Blogartikel und Kolumnen schreiben – klar ist: mit Bildern sind unsere Botschaften oft viel stärker. Und das sind Botschaften, Themen und Probleme, die dingend breit diskutiert werden sollten. Unsere Kinder im Internet zu zeigen, ist ein kleiner, möglicher, erster Schritt in die Richtung, all diese Themen anzusprechen und diese Themen aus der Unsichtbarkeit zu holen.

Wollen wir wirklich eine digitale Welt ohne Kinder? Mit verpixelten und emoji-ierten Gesichtern? Oder am besten nur mit Stock- und Symbolfotos? Würde das für unsere Kinder tatsächlich mehr Sicherheit bedeuten?

Warum ich meine Kinder im Internet zeige – in a nutshell

Meine Kinder auf Instagram zu zeigen, ist in erster Linie ein natürlicher Bestandteil meines Lebens. Ich zeige dort meinen Alltag – und meine Kinder sind essentieller Bestandteil meines Alltags. Aber ein kleines bisschen ist es für mich auch ein feministischer Akt des Aufbegehrens gegen das Gebot des Unsichtbarmachens meiner eigenen Mutterrolle. Ich bin eine digitale Mutter – und das ist auch gut so.

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